Lektion 17: Abformmaterialien II – Elastomere (Polyether & A-Silikone)

A. Klinische Relevanz

 

Wenn es um die Herstellung von passgenauem, festsitzendem Zahnersatz wie Kronen, Brücken oder Inlays geht, ist höchste Präzision gefordert. Alginat ist hierfür ungeeignet. Die Elastomere sind die Materialgruppe der Wahl für alle Präzisions- oder “Meisterabformungen”. Ihre entscheidende Eigenschaft ist die hohe Dimensionsstabilität, die es dem Zahntechniker ermöglicht, ein exaktes, verzugsfreies Meistermodell herzustellen. Die beiden Hauptvertreter dieser Klasse, Polyether und A-Silikone, sind die Arbeitspferde der modernen Prothetik. Die Kenntnis ihrer spezifischen Eigenschaften und des korrekten Umgangs ist die Grundlage für jede erfolgreiche indirekte Restauration.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Das gemeinsame Prinzip: Elastizität und Dimensionsstabilität Elastomere sind gummiartige Kunststoffe, die nach der Abformung hochelastisch in ihre ursprüngliche Form zurückfedern und diese Form über einen langen Zeitraum stabil beibehalten.

2. Polyether

  • Konzept: Ein klassisches, extrem zuverlässiges Abformmaterial.

  • Beispiel: Impregum™.

  • Schlüsseleigenschaften:

    • Exzellente Dimensionsstabilität: Sehr geringe Abbindeschrumpfung.

    • Natürliche Hydrophilie: Dies ist sein größter Vorteil. Polyether ist von Natur aus “wasserliebend” und kann geringe Restfeuchtigkeit im Sulkus verdrängen. Dies führt zu einer sehr scharfen und blasenfreien Detailwiedergabe, insbesondere der kritischen Präparationsgrenze.

    • Hohe Steifigkeit: Nach dem Aushärten ist das Material sehr fest und rigide.

    • Snap-Set: Eine charakteristische Abbindecharakteristik mit einer relativ langen Verarbeitungszeit, die abrupt in eine sehr schnelle Aushärtung übergeht.

  • Nachteile: Die hohe Steifigkeit kann die Entnahme bei stark untersichgehenden Stellen erschweren. Es kann bei falscher Lagerung Wasser aufnehmen und quellen.

3. Additionsvernetzende Silikone (A-Silikone / PVS – Polyvinylsiloxane)

  • Konzept: Das heute weltweit am häufigsten verwendete Präzisions-Abformmaterial.

  • Chemie: Die Abbindereaktion ist eine Additions-Polymerisation, bei der keine Reaktionsnebenprodukte (wie z.B. Alkohol bei K-Silikonen) entstehen. Dies ist der Grund für die überragende Dimensionsstabilität.

  • Schlüsseleigenschaften:

    • Höchste Dimensionsstabilität: A-Silikon-Abformungen sind extrem lagerstabil und können theoretisch auch Tage später noch präzise ausgegossen werden.

    • Exzellente Detailwiedergabe und hohe Reißfestigkeit.

    • Hydrophobie (Nachteil): A-Silikone sind von Natur aus “wasserabweisend”. Obwohl die Hersteller durch Zusätze (Surfactants) die Benetzbarkeit verbessern, ist eine absolute Trockenlegung des Arbeitsfeldes für eine erfolgreiche Abformung entscheidend.

  • Die kritische Interaktion: Schwefel-Inhibition

    • Der Platinkatalysator in A-Silikonen wird durch Schwefelverbindungen “vergiftet”, was die Abbindereaktion verhindert.

    • Haupt-Fehlerquelle: Latexhandschuhe, deren Vulkanisierungsprozess Schwefel verwendet.

    • Klinische Konsequenz: Bei der Arbeit mit A-Silikonen müssen immer Nitril- oder Vinyl-Handschuhe getragen werden!

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die klinische Entscheidung: Polyether oder A-Silikon? Beide Materialien liefern bei korrekter Anwendung exzellente Ergebnisse. Die Wahl ist oft Präferenz des Behandlers.

  • Vorteil Polyether: In Situationen, in denen eine perfekte Trockenlegung extrem schwierig ist (z.B. sehr tiefe subgingivale Ränder).

  • Vorteil A-Silikon: Universell einsetzbar, in vielen verschiedenen Viskositäten (von knetbar bis sehr dünnfließend) verfügbar, extrem dimensionsstabil.

Fallbeispiel: Die klassische Kronenabformung

  • Szenario: Es soll eine Präzisionsabformung für eine Vollkeramikkrone an Zahn 16 genommen werden.

  • Analyse: Höchste Genauigkeit ist erforderlich. Die Präparationsgrenze liegt leicht subgingival, was ein sorgfältiges Weichgewebsmanagement erfordert.

  • Klinische Konsequenz & Vorgehen:

    1. Retraktion: Mit der Doppelfaden-Technik wird der Sulkus trockengelegt und die Präparationsgrenze freigelegt.

    2. Handschuhwechsel: Der Behandler wechselt von seinen Untersuchungs-Latexhandschuhen auf Nitrilhandschuhe.

    3. Abformung (Doppelmisch-Technik mit A-Silikon):

      • Der obere Retraktionsfaden wird entfernt.

      • Ein dünnfließendes Korrekturmaterial (“Light Body”) wird direkt aus der Kartusche präzise auf die trockene Präparation aufgetragen.

      • Gleichzeitig füllt die Assistenz den Abformlöffel mit dem schwerfließenden Löffelmaterial (“Heavy Body”).

      • Der Löffel wird eingesetzt. Das dickfließende Material presst das dünnfließende Material in alle Details.

    4. Qualitätskontrolle: Nach der Entnahme wird die Abformung unter Vergrößerung inspiziert. Die Präparationsgrenze ist scharf, durchgehend und blasenfrei abgebildet.

  • Ergebnis: Eine hochpräzise und dimensionsstabile Meisterabformung wurde erstellt. Der prophylaktische Handschuhwechsel hat eine mögliche Inhibition der Abbindereaktion und damit einen kostspieligen und zeitaufwendigen Fehler verhindert.