Lektion 11: Oxidkeramiken (Zirkonoxid, Aluminiumoxid) und die CAD/CAM-Technologie
A. Klinische Relevanz
Die Oxidkeramiken, allen voran das Zirkonoxid (“Zirkon”), haben die festsitzende Prothetik revolutioniert. Sie brachten die mechanische Festigkeit von Metalllegierungen in die Welt der zahnfarbenen, metallfreien Restaurationen. Ihre extreme Bruchzähigkeit ermöglicht erstmals die Herstellung von langlebigen, vollkeramischen Brücken im Seitenzahnbereich und sehr substanzschonenden Kronen. Die Verarbeitung dieser Hochleistungskeramik ist untrennbar mit der digitalen CAD/CAM-Technologie verbunden. Das Verständnis der besonderen Eigenschaften von Zirkonoxid und des digitalen Workflows ist entscheidend für die moderne prothetische Praxis.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Das Grundprinzip: Die glasfreie polykristalline Struktur
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Abgrenzung zu Glaskeramiken: Im Gegensatz zu den transluzenten Silikat- und Glaskeramiken bestehen Oxidkeramiken fast zu 100% aus einer dicht gesinterten Kristallphase und enthalten keine Glasphase.
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Konsequenz: Diese dichte, rein kristalline Struktur ist der Grund für ihre extrem hohe Festigkeit und ihre (im Vergleich zu Glaskeramiken) höhere Opazität. Es bedeutet auch, dass sie nicht mit Flusssäure geätzt werden können.
2. Zirkonoxid (ZrO₂, Zirconia) – Das “keramische Stahl”
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Material: Zirkoniumdioxid, das durch die Zugabe von Yttriumoxid in einer hochfesten, tetragonalen Kristallphase stabilisiert wird (Y-TZP).
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Die Schlüsseleigenschaft: Phasenumwandlungs-Verstärkung
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Dies ist der einzigartige Mechanismus, der Zirkonoxid seine überragende Bruchzähigkeit verleiht.
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Mechanismus: Wenn ein Mikroriss in der Keramik entsteht, verursacht die Spannungsspitze an der Riss-Spitze eine lokale Kristall-Phasenumwandlung von der tetragonalen in die monokline Form.
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Effekt: Diese monokline Phase benötigt ca. 4% mehr Volumen. Diese lokale Expansion erzeugt einen massiven Druck auf die Riss-Spitze, der den Riss quasi “zupresst” und seine weitere Ausbreitung stoppt.
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Die “Generationen” von Zirkonoxid:
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1. Generation (klassisches Zirkonoxid): Sehr fest (~1200 MPa), aber sehr opak. Nur als Gerüstmaterial zum Verblenden geeignet.
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2./3. Generation (“Transluzentes” Zirkonoxid): Gute Festigkeit (~800-1000 MPa) bei deutlich verbesserter Transluzenz. Der “Allrounder” für monolithische Seitenzahnkronen und -brücken.
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4. Generation (“Hochtransluzentes” Zirkonoxid): Enthält einen Anteil an kubischer Phase. Exzellente Transluzenz, vergleichbar mit Glaskeramik, bei aber reduzierter Festigkeit (~600-800 MPa). Indiziert für monolithische Frontzahnkronen.
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3. Die CAD/CAM-Technologie (Computer-Aided Design/Manufacturing) Da Oxidkeramiken extrem hart sind, können sie nicht manuell verarbeitet werden. Ihre Anwendung ist an den digitalen Workflow gekoppelt.
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Scan (Datenerfassung): Ein Intraoralscanner oder ein Laborscanner erfasst die Präparation als 3D-Datensatz.
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CAD (Konstruktion): In einer Software wird die Krone oder Brücke virtuell am Computer designt.
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CAM (Fertigung): Die Designdaten werden an eine Fräsmaschine gesendet. Diese fräst die Restauration aus einem industriell vorgefertigten Block aus vorgesintertem, “kreideweichem” Zirkonoxid.
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Sintern: Die vergrößert gefräste Restauration wird in einem Hochtemperaturofen bei ca. 1500°C dicht gesintert. Dabei schrumpft sie auf ihre exakte Endgröße und erhält ihre finale Härte und Festigkeit.
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Finalisierung: Individualisierung mit Malfarben und Glasurmasse.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Befestigung von Zirkonoxid:
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Adhäsiv (bevorzugt): Nach dem Sandstrahlen der Klebefläche mit Aluminiumoxid wird ein spezieller MDP-haltiger Primer aufgetragen, gefolgt von einem Kompositzement.
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Konventionell: Bei ausreichend retentiver Präparation kann Zirkonoxid aufgrund seiner hohen Eigenfestigkeit auch mit konventionellen Zementen (z.B. KM-GIZ) befestigt werden.
Fallbeispiel: Die Molarenbrücke
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Szenario: Ein Patient mit starkem Kaudruck (Bruxer) benötigt eine dreigliedrige Brücke zum Ersatz von Zahn 36.
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Analyse: Dies ist eine Hochbelastungssituation, die höchste mechanische Stabilität erfordert.
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Material-Abwägung:
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VMK-Brücke: Eine gute Option, birgt aber das Risiko von Keramik-Abplatzungen (Chipping) bei einem Bruxer.
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Lithium-Disilikat-Brücke: Absolut kontraindiziert. Das Material ist für Molarenbrücken nicht zugelassen und würde frakturieren.
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Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Eine monolithische Brücke aus hochfestem (3. Generation) Zirkonoxid.
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Rationale:
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Festigkeit: Nur Zirkonoxid bietet die notwendige Bruchfestigkeit und -zähigkeit, um den Kaukräften in dieser Situation als Vollkeramik standzuhalten.
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Monolithisch: Das einstückige Design eliminiert das Risiko des Chipping vollständig.
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Präparation: Die Pfeilerzähne können substanzschonender präpariert werden als für eine VMK-Brücke.
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Ergebnis: Der Patient erhält eine extrem stabile, langlebige und metallfreie Versorgung. Der Fall demonstriert eine klinische Indikation, die erst durch die Entwicklung der Hochleistungskeramik Zirkonoxid in Vollkeramik vorhersagbar lösbar wurde.