Lektion 4: Biokompatibilität – Die Interaktion von Werkstoffen mit dem Körper

A. Klinische Relevanz

 

Jedes Material, das wir in die Mundhöhle einbringen, ist ein Fremdkörper, der mit dem biologischen System des Patienten interagiert. Die Biokompatibilität beschreibt die Verträglichkeit eines Materials mit dem lebenden Gewebe. Unerwünschte Reaktionen können von lokalen Entzündungen über toxische Effekte bis hin zu schweren systemischen Allergien reichen. Die Auswahl eines biologisch unbedenklichen Materials und die korrekte Einschätzung des Patientenrisikos (insbesondere von Allergien) ist eine fundamentale ärztliche Verantwortung und entscheidend für die Patientensicherheit und den langfristigen Behandlungserfolg.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Definitionen im Spektrum der Verträglichkeit

  • Biokompatibilität: Die Fähigkeit eines Werkstoffs, in einer spezifischen Anwendung eine angemessene Wirtsantwort hervorzurufen. Es ist keine absolute Eigenschaft, sondern kontextabhängig.

  • Biotoleranz: Das Material wird vom Körper toleriert, ist aber nicht völlig inert. Es bildet sich eine dünne, bindegewebige Kapsel um das Material. (Bsp.: viele NEM-Legierungen).

  • Bioinertheit: Das Material löst praktisch keine Abwehr- oder Fremdkörperreaktion aus. Der Körper “ignoriert” es. (Bsp.: Titan, Zirkonoxid, Gold).

  • Bioaktivität: Das Material löst eine spezifische, positive biologische Reaktion aus. (Bsp.: Biokeramische Zemente, die die Hartgewebsbildung anregen).

2. Arten der unerwünschten biologischen Reaktionen

  • a) Toxizität:

    • Definition: Eine dosisabhängige, direkte zellschädigende (zytotoxische) Wirkung eines Materials oder seiner herausgelösten Bestandteile.

    • Mechanismus: Die Substanz ist in einer bestimmten Konzentration “giftig” für die Zellen.

    • Dentale Beispiele: Hohe Konzentrationen von nicht-polymerisierten Kunststoff-Monomeren aus Kompositen können Pulpazellen schädigen. Quecksilberdampf aus Amalgam ist in hohen Dosen neurotoxisch.

  • b) Entzündung:

    • Definition: Die unspezifische Abwehrreaktion des Körpers auf einen Fremdkörperreiz.

    • Mechanismus: Raue Oberflächen, an denen sich Plaque sammelt, verursachen eine plaque-induzierte Entzündung. Korrosionsprodukte von unedlen Metallen können eine chronische Fremdkörper-Entzündung unterhalten.

  • c) Allergie:

    • Definition: Eine dosis-unabhängige, spezifische und erworbene Überempfindlichkeitsreaktion des Immunsystems. Meist handelt es sich um eine Typ-IV-Spättyp-Allergie.

    • Mechanismus: Das Immunsystem erkennt einen Bestandteil des Materials (das Allergen) fälschlicherweise als gefährlich und löst eine massive, oft überschießende Abwehrreaktion aus.

    • Die häufigsten dentalen Allergene:

      • Nickel (Ni): Das häufigste Kontaktallergen. Bestandteil vieler (aber nicht aller) NEM-Legierungen. Eine bekannte Allergie gegen Modeschmuck ist ein starker Hinweis.

      • Palladium (Pd): Ein Edelmetall, das aber ebenfalls ein relevantes allergenes Potenzial besitzt.

      • Kunststoff-Monomere: Insbesondere in Adhäsiven (z.B. HEMA) können sie bei Patienten oder dem zahnärztlichen Personal eine Kontaktallergie (Dermatitis) auslösen.

    • Klinisches Bild: Oft eine verzögerte Reaktion (24-72h). Zeigt sich als lokalisierte, rote, brennende Schleimhautentzündung (Kontaktstomatitis) oder als Hautausschlag an anderer Stelle.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die Allergie-Anamnese als wichtigstes Werkzeug: Die gezielte Befragung des Patienten vor der Behandlung ist der Schlüssel zur Vermeidung allergischer Reaktionen.

  • Schlüsselfragen: “Haben Sie bekannte Allergien?” “Reagieren Sie auf Modeschmuck, Gürtelschnallen oder Jean-Knöpfe mit Hautrötungen oder Juckreiz?” (klassische Frage nach Nickel-Allergie).

Der Epikutantest (Pflaster-Test): Bei begründetem Verdacht auf eine Allergie ist die Überweisung an einen Dermatologen oder Allergologen zur Durchführung eines Epikutantests indiziert, um das auslösende Allergen eindeutig zu identifizieren.

Materialauswahl bei bekannter Allergie:

  • Nachgewiesene Nickel-Allergie: Die Verwendung von nickelhaltigen NEM-Legierungen ist absolut kontraindiziert. Alternativen sind: kobalt-chrom-basierte, garantiert nickelfreie NEM-Legierungen, Edelmetall-Legierungen oder, als sicherste Option, eine komplett metallfreie Versorgung aus Zirkonoxid.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Eine 40-jährige Patientin benötigt eine Brücke im Seitenzahnbereich. Im Anamnesebogen gibt sie an, auf “unechten Schmuck” mit stark juckenden Hautausschlägen zu reagieren.

  • Analyse: Dies ist ein hochgradiger, klinischer Verdacht auf eine Nickel-Sensibilisierung. Die Anfertigung einer Standard-NEM-Brücke, die Nickel enthalten könnte, birgt ein hohes Risiko für eine schwere allergische Reaktion.

  • Fehlerhaftes Vorgehen: Ignorieren der Anamnese und Anfertigung einer kostengünstigen NEM-Brücke. Wenige Wochen nach dem Einsetzen entwickelt die Patientin eine schmerzhafte, feuerrote Entzündung der Gingiva um die Pfeilerzähne.

  • Korrekte Vorgehensweise:

    1. Risikoerkennung: Der Zahnarzt erkennt die anamnestische Angabe als deutliches Warnsignal.

    2. Aufklärung & Planung: Der Patientin wird das Risiko erklärt. Eine Standard-NEM-Versorgung wird ausgeschlossen.

    3. Therapie-Alternativen: Es werden sichere, nickelfreie Alternativen vorgestellt:

      • Eine Brücke mit einem Gerüst aus einer hochgoldhaltigen Legierung.

      • Eine vollkeramische, monolithische Brücke aus Zirkonoxid.

    4. Entscheidung: Die Patientin wählt die ästhetische und biologisch inerte Zirkonoxid-Brücke.

  • Ergebnis: Durch die sorgfältige Anamnese und die daraus abgeleitete, risikoadaptierte Materialwahl wurde eine schwere iatrogene Komplikation vermieden. Die Versorgung ist sowohl funktionell als auch biologisch erfolgreich.