Lektion 20: Das klinische Protokoll der Adhäsivtechnik Schritt für Schritt (Total-Etch, Self-Etch)

A. Klinische Relevanz

 

Nach dem Verständnis der zugrundeliegenden Chemie ist die fehlerfreie klinische Umsetzung des Adhäsivprotokolls der entscheidende Schritt für den Erfolg. Diese Lektion ist eine praxisorientierte Schritt-für-Schritt-Anleitung, die die theoretischen Konzepte in konkrete Handlungsanweisungen übersetzt. Jeder einzelne Schritt, von der Einwirkzeit der Säure bis zur Intensität des Luftstroms, hat einen direkten Einfluss auf die Qualität der Hybridschicht und die Langlebigkeit der Restauration. Die Beherrschung dieser Protokolle ist keine Routine, sondern ein hochkonzentrierter, techniksensitiver Prozess, dessen kleinste Abweichung über Erfolg oder Misserfolg entscheidet.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

Universelle Voraussetzung: Perfekte Trockenlegung. Alle folgenden Schritte setzen ein absolut sauberes und kontaminationsfreies Arbeitsfeld voraus. Die Anwendung von Kofferdam ist der Goldstandard.


Protokoll 1: Etch & Rinse (Total-Etch) – z.B. 3-Schritt-System Diese Technik gilt als Referenzstandard, ist aber am fehleranfälligsten.

Schritt 1: Konditionierung (Ätzen)

  • Material: Phosphorsäure-Gel (35-37%).

  • Vorgehen:

    1. Applizieren Sie das Gel zuerst auf die Schmelzränder der Kavität.

    2. Lassen Sie es dort ca. 10-15 Sekunden einwirken.

    3. Tragen Sie das Gel danach auch auf das Dentin auf.

  • Einwirkzeit:

    • Schmelz: Total 15-30 Sekunden.

    • Dentin: Maximal 15 Sekunden.

  • Rationale: Schmelz benötigt eine längere Ätzzeit für eine adäquate mikromechanische Retention. Eine zu lange Ätzung des Dentins entfernt zu viel Mineral um die Kollagenfasern, was die Infiltration des Adhäsivs erschwert.

Schritt 2: Spülen

  • Vorgehen: Gründliches Abspülen des Ätzgels mit dem Wasser-Luft-Spray für mindestens 15 Sekunden.

  • Ziel: Vollständige Entfernung der Säure und der Reaktionsprodukte.

Schritt 3: Trocknen (KRITISCHSTER SCHRITT)

  • Vorgehen: Sanftes Trocknen der Kavität mit öl- und wasserfreier Luft.

  • Ziel: Das Dentin muss feucht bleiben (“Moist Bonding”). Es darf nicht dehydriert werden, da sonst das freigelegte Kollagennetzwerk kollabiert.

  • Klinisches Bild: Die Schmelzränder sollten kreidig-weiß sein, das Dentin muss einen seidig-matten Glanz aufweisen. Es dürfen keine Wasserpfützen sichtbar sein.

Schritt 4: Primen

  • Vorgehen: Applikation des Primers mit einem Mikrobrush auf Schmelz und Dentin.

  • Aktion: Aktives Einmassieren für 20-30 Sekunden. Dies ist kein passives Bepinseln! Das Lösungsmittel im Primer verdrängt das Wasser und die hydrophilen Monomere können das Kollagennetzwerk infiltrieren.

  • Verblasen: Sanftes Verblasen mit Luft, um das Lösungsmittel (Alkohol/Aceton) zu verdampfen. Die Oberfläche muss danach glänzen.

Schritt 5: Bonden

  • Vorgehen: Applikation des Adhäsivs (Bond) mit einem neuen, sauberen Mikrobrush.

  • Verblasen: Erneut sanft verblasen, um einen gleichmäßigen, dünnen Film zu erzeugen und Materialansammlungen in den Ecken zu vermeiden.

Schritt 6: Lichthärten

  • Vorgehen: Polymerisation mit einer leistungsstarken LED-Lampe gemäß Herstellerangaben (i.d.R. 10-20 Sekunden).


Protokoll 2: Self-Etch im Modus “Selektive Schmelzätzung” Diese Technik ist anwenderfreundlicher und gilt als moderner Standard für die Seitenzahnversorgung.

Schritt 1: Selektive Schmelzätzung

  • Material: Phosphorsäure-Gel (35-37%).

  • Vorgehen: Applikation des Gels ausschließlich auf die Schmelzränder der Kavität. Das Dentin bleibt unberührt.

  • Einwirkzeit: 15-30 Sekunden.

Schritt 2: Spülen & Trocknen

  • Vorgehen: Gründliches Abspülen des Gels für 15 Sekunden.

  • Trocknen: Die Trocknung ist hier unkritisch, da das Kollagennetzwerk im Dentin nicht freigelegt wurde. Die Kavität kann sorgfältig getrocknet werden.

Schritt 3: Applikation des Self-Etch Adhäsivs

  • Vorgehen: Applikation des kombinierten Self-Etch-Adhäsivs (z.B. ein Universaladhäsiv) auf Schmelz und Dentin.

  • Aktion: Aktives, intensives Einmassieren mit einem Mikrobrush für 20-30 Sekunden. Die sauren Monomere konditionieren nun das Dentin (modifizieren die Smear Layer) und die Adhäsiv-Monomere infiltrieren.

Schritt 4: Verblasen (KRITISCHER SCHRITT)

  • Vorgehen: Sorgfältiges und, je nach Hersteller, kräftiges Verblasen mit ölfreier Luft.

  • Ziel: Vollständige Verdampfung des Lösungsmittels (oft Wasser). Dies ist bei Self-Etch-Systemen essenziell für eine gute Polymerisation und Haftung.

  • Klinisches Bild: Die Flüssigkeitsschicht muss aufhören, sich wellenartig zu bewegen, und einen immobilen, glänzenden Film bilden.

Schritt 5: Lichthärten

  • Vorgehen: Polymerisation gemäß Herstellerangaben (i.d.R. 10 Sekunden).

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Typische Fehlerquellen:

  • Etch & Rinse: Der häufigste Fehler ist das Übertrocknen des Dentins, was zum Kollagenkollaps und postoperativen Sensitivitäten führt.

  • Self-Etch: Der häufigste Fehler ist ein unzureichendes Verblasen des Lösungsmittels, was zu einer minderwertigen, “schwammigen” Adhäsivschicht und schlechten Haftwerten führt.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Ein Zahnarzt legt eine Klasse-I-Füllung an Zahn 37 mit einem Universaladhäsiv. Um Zeit zu sparen, verzichtet er auf die selektive Schmelzätzung.

  • Befund nach einem Jahr: Die Füllung ist intakt, aber am Übergang vom Füllungsrand zum Schmelz ist eine deutliche, bräunliche Verfärbung sichtbar (“marginal staining”).

  • Analyse: Die Verfärbung ist ein klares Zeichen für Mikroleakage am Schmelzrand. Die milden sauren Monomere des Self-Etch-Adhäsivs waren nicht in der Lage, den hochmineralisierten, oft aprismatischen Schmelz am Kavitätenrand ausreichend zu konditionieren, um einen dauerhaft dichten Verbund zu erzeugen.

  • Klinische Schlussfolgerung: Dieses Versagen wäre durch die zusätzliche, 15-sekündige selektive Schmelzätzung vermeidbar gewesen. Dieser Schritt ist kein optionales “Extra”, sondern eine notwendige Maßnahme, um die größte Stärke des Etch-&Rinse-Verfahrens (exzellente Schmelzhaftung) mit den Vorteilen des Self-Etch-Verfahrens (sichere Dentinhaftung) zu kombinieren und so die Langlebigkeit der Restauration zu maximieren.