Lektion 14: Non-invasive und mikro-invasive Kariestherapie (Kariesinfiltration)
A. Klinische Relevanz
Diese Lektion schlägt die entscheidende Brücke zwischen der reinen Prävention und der invasiven, restaurativen Füllungstherapie. Non-invasive und mikro-invasive Verfahren sind der Inbegriff der modernen, substanzerhaltenden Zahnheilkunde. Sie ermöglichen es dem Kliniker, eine diagnostizierte, aktive Initialläsion (White Spot) therapeutisch zu managen, bevor es zu einem irreversiblen Substanzdefekt (Kavitation) kommt. Das Beherrschen dieser Techniken, insbesondere der Kariesinfiltration, erweitert das therapeutische Spektrum erheblich. Es erlaubt, die Progression von Karies zu stoppen und gleichzeitig die Ästhetik wiederherzustellen, ohne dabei gesunde Zahnhartsubstanz opfern zu müssen – ein Paradigmenwechsel gegenüber dem traditionellen “wait and see until you have to drill”.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Das therapeutische Fenster: Die nicht-kavitierte Schmelzläsion Die Voraussetzung für den Erfolg dieser Verfahren ist das Vorhandensein einer nicht-kavitierten Läsion (ICDAS Code 1 oder 2). Solange die hypermineralisierte Oberflächenschicht der Läsion im Wesentlichen intakt ist, stellt sie eine semipermeable Membran dar, durch die therapeutische Agenzien in den porösen Läsionskörper darunter diffundieren können.
2. Non-invasive Therapie: Forcierte Remineralisation Dieser Ansatz zielt darauf ab, das Karies-Balance-Modell aktiv zugunsten der Remineralisation zu verschieben.
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Mechanismus: Durch die hochfrequente Applikation von protektiven Faktoren wird versucht, den Mineralverlust nicht nur zu stoppen, sondern umzukehren.
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Methoden:
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Professionelle Fluoridierung: Regelmäßige (z.B. alle 3 Monate) Applikation von hochkonzentriertem Fluoridlack (z.B. 22.600 ppm F⁻). Der Lack bildet ein Kalziumfluorid-Reservoir auf der Zahnoberfläche, das über Wochen hinweg kontinuierlich Fluoridionen freisetzt.
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Häusliche Intensivfluoridierung: Verordnung von hochkonzentrierter Fluoridzahnpasta (5000 ppm F⁻) für den täglichen Gebrauch.
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Zusätzliche Mineralstoffzufuhr: Einsatz von Pasten, die amorphes Kalziumphosphat enthalten (z.B. CPP-ACP-Komplex), um das Ionenangebot für die Remineralisation zu erhöhen.
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Indikation: Aktive, nicht-kavitierte Schmelzläsionen, insbesondere bei kooperativen Patienten, bei denen die kausalen Faktoren (Hygiene, Ernährung) ebenfalls erfolgreich modifiziert werden können.
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Limitation: Die ästhetische Verbesserung ist oft langsam und unvollständig. Der “White Spot” bleibt häufig sichtbar, auch wenn die Läsion arretiert wird.
3. Mikro-invasive Therapie: Die Kariesinfiltration (z.B. mit Icon®) Dieser Ansatz zielt nicht auf die Remineralisation, sondern auf die physikalische Blockade der Läsion von innen.
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Grundkonzept: Die Mikroporosositäten des Läsionskörpers werden nicht mit Mineralien, sondern mit einem niedrigviskosen Kunststoff (Infiltrant) aufgefüllt, der in das Porensystem eindringt und dort aushärtet.
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Physikalisches Prinzip: Der Infiltrant wird durch Kapillarkräfte tief in das Porensystem des Läsionskörpers gezogen.
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Der zweifache therapeutische Effekt:
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Arretierung der Läsion: Der ausgehärtete Kunststoff versiegelt das Porensystem von innen. Dies blockiert die Diffusionswege für kariogene Säuren von außen und unterbindet so die weitere Demineralisation. Die Läsion wird gestoppt.
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Ästhetische Maskierung: Dies ist ein signifikanter klinischer Vorteil. Der Brechungsindex von gesundem Schmelz liegt bei ca. 1,62. Die Poren einer White Spot Läsion sind mit Wasser (Brechungsindex ~1,33) oder Luft (Brechungsindex ~1,0) gefüllt. Dieser Unterschied im Brechungsindex führt zu Lichtstreuung, die wir als weißen Fleck wahrnehmen. Der Infiltrant hat einen Brechungsindex von ca. 1,52, der dem des gesunden Schmelzes sehr nahekommt. Indem er die Poren füllt, gleicht er den Brechungsindex an, reduziert die Lichtstreuung und lässt die Läsion optisch mit dem gesunden Schmelz verschmelzen.
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4. Das klinische Protokoll der Kariesinfiltration (am Beispiel Icon®)
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Reinigung: Gründliche Reinigung der betroffenen Zahnoberfläche.
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Oberflächen-Konditionierung: Applikation eines 15%igen Salzsäure-Gels (HCl, Icon-Etch) für 2 Minuten. Ziel: Entfernung der hypermineralisierten, diffusionshemmenden Oberflächenschicht der Läsion, um den Zugang zum porösen Läsionskörper zu öffnen.
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Spülen & Trocknen: Gründliches Spülen (30s) und anschließendes Trocknen der Oberfläche mit hochprozentigem Ethanol (Icon-Dry). Ethanol verdrängt Wasser effektiv aus den tiefen Poren und bereitet sie für die Infiltration vor. Das Erscheinungsbild des White Spots sollte sich hierbei intensivieren.
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Infiltration (1. Anwendung): Langsame Applikation des niedrigviskosen Infiltranten (Icon-Infiltrant). Das Material wird für 3 Minuten belassen, damit es Zeit hat, tief in die Läsion einzudringen.
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Lichthärtung: Überschüsse werden entfernt und der Infiltrant für 40 Sekunden mit einer Polymerisationslampe ausgehärtet.
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Infiltration (2. Anwendung): Um eine vollständige Füllung des Porenvolumens sicherzustellen, wird der Infiltrant ein zweites Mal für 1 Minute appliziert und erneut für 40 Sekunden lichtgehärtet.
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Politur: Die Oberfläche wird mit Polierern finiert.
5. Indikationen
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Glattflächen: Ästhetisch störende, nicht-kavitierte White Spot Läsionen (ICDAS 1-2), insbesondere nach kieferorthopädischer Behandlung.
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Approximalkaries: Nicht-kavitierte Läsionen, die radiologisch bis ins äußere Drittel des Dentins reichen (R3). Für die approximale Anwendung werden spezielle, perforierte Applikationsfolien verwendet.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Fallauswahl ist entscheidend: Der Erfolg der Infiltration hängt stark von der korrekten Indikationsstellung ab. Sie funktioniert am besten bei Läsionen, die nicht zu alt sind und eine intakte Oberfläche aufweisen. Kavitierte Läsionen (ICDAS 3 und höher an Glattflächen) oder stark remineralisierte, inaktive Läsionen sind keine guten Kandidaten.
Fallbeispiel:
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Szenario: Ein 17-jähriger Patient stellt sich 2 Wochen nach Entfernung seiner Multibracket-Apparatur vor. Er ist mit der Zahnstellung sehr zufrieden, aber unglücklich über die deutlich sichtbaren, kreidig-weißen Demineralisationsränder an den Oberkiefer-Frontzähnen (Zähne 12, 11, 21, 22).
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Analyse: Es handelt sich um aktive, nicht-kavitierte Schmelzläsionen (ICDAS 2), die durch die erschwerte Hygiene um die Brackets entstanden sind. Eine rein fluoridbasierte Therapie würde das ästhetische Problem nur sehr langsam und unvollständig lösen. Eine invasive Therapie mit Komposit-Füllungen wäre extrem invasiv und ein Kunstfehler.
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Klinische Konsequenz: Dies ist die Idealindikation für die Kariesinfiltration. Dem Patienten wird das Verfahren als “Reparatur ohne Bohren” erklärt, das die Flecken stoppt und gleichzeitig “unsichtbar” macht. Nach einer Behandlungssitzung ist das ästhetische Ergebnis in der Regel sofort sichtbar und die Läsionen sind arretiert. Dies führt zu einer sehr hohen Patientenzufriedenheit und erhält die Zahnhartsubstanz vollständig.