Lektion 13: Fissurenversiegelung – Indikation, Materialien und klinisches Vorgehen

A. Klinische Relevanz

 

Die Fissurenversiegelung ist eine der effektivsten und am weitesten verbreiteten Maßnahmen der primären Kariesprävention. Während Fluoride einen exzellenten Schutz für Glattflächen bieten, ist ihre Wirkung in den morphologisch komplexen, oft nicht mit Borsten zugänglichen Grübchen und Fissuren der Molaren limitiert. Die Versiegelung adressiert exakt diese anatomische Schwachstelle, indem sie eine physikalische Barriere zwischen dem Biofilm und der Zahnoberfläche schafft. Die korrekte Indikationsstellung und eine präzise, techniksensitive Durchführung sind entscheidend für den Langzeiterfolg und machen die Versiegelung zu einem fundamentalen Werkzeug der minimalinvasiven Zahnheilkunde, insbesondere in der Kinder- und Jugendzahnmedizin.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Rationale und risikoadaptierte Indikation

  • Die Fissurenmorphologie: Fissuren sind keine einfachen Rillen, sondern oft komplexe, tief eingeschnittene Spalten. Man unterscheidet u.a.:

    • V-Typ: Weit und gut zu reinigen (geringes Risiko).

    • U-Typ: Ebenfalls gut zu reinigen.

    • I-Typ / Flaschenhals-Typ: Enger Eingang mit einer breiteren Basis in der Tiefe. Für eine Zahnbürstenborste unzugänglich. Dies ist die gefährdetste Morphologie.

  • Indikation: Die Entscheidung zur Versiegelung ist immer risikoadaptiert.

    • Hauptindikation: Kariesfreie, aber morphologisch anfällige (tiefe, zerklüftete) Fissuren bei Patienten mit erhöhtem oder hohem Kariesrisiko.

    • Idealer Zeitpunkt: So früh wie möglich nach dem vollständigen Zahndurchbruch (sobald eine adäquate Trockenlegung möglich ist), da der Schmelz in dieser Phase noch unreif und besonders vulnerabel ist. Typischerweise bei den ersten und zweiten bleibenden Molaren.

  • Kontraindikationen:

    • Offene, dentinbeteiligte Karies (hier ist eine Füllung indiziert).

    • Breite, selbstreinigende Fissuren bei einem Patienten mit niedrigem Kariesrisiko.

    • Ein seit vielen Jahren kariesfreier Zahn bei einem Erwachsenen mit guter Mundhygiene.

    • Zahn noch nicht weit genug durchgebrochen, sodass eine suffiziente Trockenlegung unmöglich ist.

2. Materialien zur Fissurenversiegelung

Materialtyp Zusammensetzung Vorteile Nachteile Klinische Präferenz
Kompositbasierte Versiegler Dimethacrylat-Kunststoffe (Bis-GMA, UDMA), oft leicht mit Füllkörpern versetzt. – Hohe Abrasionsfestigkeit – Exzellente Retention (Haltbarkeit) – Geringe Löslichkeit Extrem techniksensitiv – Erfordern absolute Trockenheit Standardmaterial der Wahl, wenn eine perfekte Trockenlegung (idealerweise mit Kofferdam) möglich ist.
Glasionomerzement (GIZ)-basierte Versiegler Polyacrylsäure und Aluminiumsilikatglas. Chemische Adhäsion an Schmelz & Dentin – Kontinuierliche Fluoridfreisetzung (kariostatischer Effekt) – Weniger feuchtigkeitsempfindlich – Geringere mechanische Festigkeit – Deutlich geringere Retention und höhere Abrasionsrate Situative Alternative bei Zähnen im Durchbruch, die nur schwer trockenzulegen sind, oder bei Patienten mit extrem hohem Kariesrisiko.

3. Das klinische Vorgehen (Kompositversiegler) – Ein Protokoll Eine präzise Einhaltung der Arbeitsschritte ist entscheidend für den Langzeiterfolg.

  1. Reinigung: Gründliche mechanische Reinigung der Fissur und der gesamten Kaufläche mit einer rotierenden Bürste und fluoridfreier Bimssteinpaste. Hartnäckige Beläge können mit einem Pulverstrahlgerät entfernt werden.

  2. Trockenlegung: Die absolute Trockenlegung mittels Kofferdam ist die Methode der Wahl und sichert die höchste Erfolgsrate. Alternativ ist eine sorgfältige relative Trockenlegung mit Watterollen, Trockenlegungs-Hilfen (z.B. OptraGate) und einem effizienten Speichelsauger möglich.

  3. Säure-Ätz-Technik: Applikation von 35-37%iger Phosphorsäure auf den gesamten Fissurenbereich und ca. 2 mm darüber hinaus. Einwirkzeit: 15-30 Sekunden. Die Säure erzeugt Mikroporositäten im Schmelz und erhöht so die Oberflächenenergie für die adhäsive Bindung.

  4. Spülen und Trocknen: Gründliches Abspülen des Ätzgels mit dem Wasser-Luft-Spray für mindestens 20 Sekunden. Anschließend intensives Trocknen mit öl- und wasserfreier Luft. Der erfolgreich geätzte Schmelz muss ein uniformes, kreidig-weißes, mattes Erscheinungsbild zeigen. Dies ist ein kritischer Kontrollschritt.

  5. Applikation des Versieglers: Dünnflüssiges Versieglungsmaterial wird mit einer feinen Kanüle direkt in die Fissuren appliziert. Mit einer Sonde kann das Material verteilt werden, um Lufteinschlüsse zu vermeiden. Es sollte nur die Fissur gefüllt werden, nicht die Höckerabhänge.

  6. Lichthärtung: Polymerisation mit einer leistungsstarken LED-Lampe gemäß Herstellerangaben (i.d.R. 20-40 Sekunden).

  7. Kontrolle und Politur: Mit einer Sonde wird die gesamte Versiegelung auf einen dichten Randschluss und die Abwesenheit von Blasen überprüft. Die Okklusion wird mit Artikulationspapier kontrolliert und eventuelle Vorkontakte werden mit einem feinen Finierdiamanten entfernt.

  8. Fluoridierung: Eine abschließende Applikation von Fluoridlack unterstützt die Remineralisation des umgebenden, leicht demineralisierten Schmelzes.

4. Erweiterte (invasive) Fissurenversiegelung Bei klinischem Verdacht auf eine beginnende Schmelzkaries innerhalb der Fissur (z.B. ICDAS 2-3) kann die Fissur vor dem Ätzen mit einem sehr feinen, birnenförmigen Diamanten minimal erweitert werden. Dies dient der diagnostischen Sicherheit und entfernt die initiale Läsion.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Langzeitmanagement: Eine versiegelte Fissur ist kein “wartungsfreies Bauteil”. Bei jeder zahnärztlichen Kontrolle muss die Integrität der Versiegelung überprüft werden. Teilverluste (“Chipping”) schaffen neue Retentionsnischen und müssen umgehend repariert oder die Versiegelung erneuert werden.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Ein 6-jähriges Kind kommt zur ersten Kontrolluntersuchung nach dem Durchbruch der ersten bleibenden Molaren. Zahn 46 ist vollständig durchgebrochen und zeigt ein sehr tiefes, enges Fissurenrelief. Die Mundhygiene ist altersentsprechend verbesserungswürdig, die Eltern berichten von häufigen “süßen Snacks”.

  • Analyse:

    • Zahnfaktor: Hohes morphologisches Risiko durch die Fissur. Der Schmelz ist noch post-eruptiv unreif und vulnerabel.

    • Patientenfaktor: Hohes Kariesrisiko aufgrund von Ernährung und mäßiger Hygiene.

  • Klinische Konsequenz: Dies stellt die absolute klassische Indikation für eine Fissurenversiegelung dar. Die Maßnahme ist hier keine Option, sondern eine Notwendigkeit im Rahmen eines primärpräventiven Konzepts. Dem Eltern wird erklärt, dass man die schwer zu putzenden “Täler” des Zahnes in leicht zu putzende “Hügel” umwandelt, um den Zahn für die Zukunft zu schützen.