Lektion 7: Visuell-taktile Kariesdiagnostik und Klassifikationen nach Black und Mount/Hume
A. Klinische Relevanz
Die visuell-taktile Untersuchung ist die fundamentalste und am häufigsten durchgeführte diagnostische Maßnahme in der zahnärztlichen Praxis. Sie ist die Grundlage jeder Befunderhebung und Therapieplanung. Die Beherrschung einer systematischen Vorgehensweise und das Verständnis der etablierten Klassifikationssysteme sind entscheidend, um Befunde präzise zu diagnostizieren, zu dokumentieren und mit Kollegen zu kommunizieren. Diese Lektion schärft den klinischen Blick, erklärt den Wandel von traditionellen zu modernen diagnostischen Philosophien und zeigt auf, wie die korrekte Klassifikation einer Läsion bereits den Weg für eine adäquate, minimalinvasive Therapie ebnet.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Grundvoraussetzungen für die klinische Inspektion Eine valide visuell-taktile Diagnostik ist nur unter optimalen Bedingungen möglich:
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Saubere Zahnoberfläche: Die Zähne müssen frei von Plaque und Verfärbungen sein. Eine professionelle Zahnreinigung ist oft die Voraussetzung für eine exakte Diagnostik.
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Trockenes Arbeitsfeld: Die absolute Trockenlegung (Kofferdam) oder relative Trockenlegung mit Watterollen und Luftpüster ist unerlässlich. Erst am trockenen Zahn werden initiale Schmelzläsionen (White Spots) durch die veränderte Lichtbrechung sichtbar.
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Adäquate Beleuchtung: Eine leistungsstarke und korrekt ausgerichtete Operationsleuchte ist zwingend erforderlich.
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Vergrößerung: Die Inspektion mit bloßem Auge ist unzureichend. Die Verwendung einer Lupenbrille (Vergrößerung 2,5x oder mehr) ist heute der klinische Standard.
2. Die visuelle Inspektion Die visuelle Inspektion sucht nach direkten und indirekten Karieszeichen:
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Direkte Kriterien:
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Farbveränderungen:
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White Spot: Aktive Initialläsion, kreidig, matt.
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Brown/Black Spot: Oftmals eine arretierte (inaktive), remineralisierte Läsion. Die Verfärbung stammt von exogenen Pigmenten. Vorsicht ist jedoch bei Fissuren geboten.
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Verlust der Transluzenz: Kariöser Schmelz verliert seine glasartige Transparenz und wirkt opak. Besonders bei Approximalkaries kann dies als gräulicher Schatten durch die Randleiste scheinen.
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Oberflächendefekte (Kavitation): Von der Mikro-Kavitation bis hin zum Einbruch ganzer Höcker.
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Indirekte Kriterien:
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Lage des Biofilms: Persistierende Plaque an einer Prädilektionsstelle ist ein starker Hinweis auf eine darunterliegende aktive Läsion.
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Gingivale Entzündung: Eine lokalisierte Papillenentzündung kann auf eine approximale oder subgingivale Kavität hinweisen.
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3. Die taktile Untersuchung – Der Wandel der Sonde
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Die spitze Sonde ( obsolet): Die traditionelle Methode, mit einer spitzen Sonde (z.B. Häkchensonde) in Fissuren nach einem “Steckenbleiben” (sticky fissure) zu suchen, gilt heute als obsolet und potenziell schädlich.
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Gefahr: Eine scharfe Sondenspitze kann eine intakte, remineralisierbare Oberflächenschicht einer White Spot Läsion durchbrechen und sie iatrogen in eine irreversible Kavität verwandeln.
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Geringe Aussagekraft: Das “Steckenbleiben” ist oft eher auf die Fissurenmorphologie als auf Karies zurückzuführen und hat eine geringe diagnostische Spezifität und Sensitivität.
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Die stumpfe Sonde (moderner Standard): Heute wird eine stumpfe Parodontalsonde (WHO-Sonde mit Kugelspitze) verwendet.
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Anwendung: Sie dient zur schonenden Entfernung von Plaque aus Fissuren und zur Überprüfung der Oberflächentextur (glatt vs. rau) einer sichtbaren Läsion, ohne Druck auszuüben.
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4. Klassifikation nach G.V. Black (Topographisch) Dieses historische System ist nach wie vor der weltweite Standard zur Dokumentation der Lokalisation von Läsionen.
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Klasse I: Karies an Prädilektionsstellen in Grübchen und Fissuren.
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Okklusalflächen von Prämolaren und Molaren.
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Bukkale/orale Grübchen von Molaren.
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Foramen caecum der oberen seitlichen Schneidezähne.
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Klasse II: Karies an den Approximalflächen von Prämolaren und Molaren.
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Klasse III: Karies an den Approximalflächen von Schneide- und Eckzähnen, ohne Beteiligung der Schneidekante.
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Klasse IV: Karies an den Approximalflächen von Schneide- und Eckzähnen, mit Beteiligung der Schneidekante (oft durch Trauma oder ausgedehnte Klasse III).
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Klasse V: Karies im zervikalen Drittel (Zahnhalsbereich) aller Zähne, sowohl fazial als auch oral.
5. Klassifikation nach Mount & Hume (Biologisch-invasiv) Dieses modernere System wurde entwickelt, um die Planung einer minimalinvasiven Therapie zu unterstützen. Es klassifiziert eine Läsion nach Lokalisation (Site) und Größe (Size).
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Site (Lokalisation):
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Site 1: Fissuren und Grübchen (entspricht Kl. I).
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Site 2: Approximaler Kontaktbereich (entspricht Kl. II, III, IV).
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Site 3: Zervikalbereich (entspricht Kl. V).
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Size (Größe/Ausdehnung):
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Size 0: Non-invasive Läsion (White Spot).
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Size 1: Minimalinvasive Kavität, die restauriert werden kann, ohne die Höckerstruktur zu schwächen.
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Size 2: Moderate Kavität, bei der der verbleibende Schmelz bereits geschwächt ist, aber noch erhalten werden kann.
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Size 3: Ausgedehnte Kavität, die bereits einen oder mehrere Höcker unterminiert, sodass diese gekürzt und überkuppelt werden müssen.
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Size 4: Weitgehend zerstörter Zahn.
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Der diagnostische Algorithmus: Ein moderner diagnostischer Prozess folgt einem klaren Ablauf: 1. Anamnese (Risiko), 2. Reinigung, 3. Trocknung, 4. Visuelle Inspektion (Licht + Lupe), 5. Ergänzung durch Röntgendiagnostik (v.a. Bissflügel), 6. Synthese der Befunde. Erst am Ende steht eine fundierte Diagnose und Klassifikation.
Dokumentation und Kommunikation: Im Befund wird klassisch nach Black dokumentiert, z.B.: “Zahn 36: Karies Kl. I okklusal, Karies Kl. V bukkal”. In der Behandlungsplanung kann die Mount/Hume-Klassifikation helfen, das Ausmaß und die Art der geplanten Füllung zu beschreiben.
Fallbeispiel:
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Szenario: Bei einer 22-jährigen Studentin wird bei der Routinekontrolle an Zahn 24 distal ein leichter gräulicher Schatten unter der Randleiste sichtbar. Die Patientin hat keine Beschwerden.
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Diagnostisches Vorgehen:
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Der Bereich wird gereinigt und intensiv getrocknet. Der Schatten bleibt sichtbar.
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Eine Bissflügelaufnahme wird angefertigt. Sie zeigt eine eindeutige, pfeilförmige Aufhellung im Schmelz, die die Schmelz-Dentin-Grenze gerade erreicht.
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Eine stumpfe Sonde bestätigt eine intakte, glatte Randleiste. Es gibt keine Kavitation.
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Diagnose & Klassifikation:
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Diagnose: Caries interproximalis initialis (nicht-kavitierte Schmelzläsion).
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Klassifikation Black: Klasse II.
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Klassifikation Mount/Hume: Site 2, Size 0.
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Klinische Schlussfolgerung: Obwohl es sich topographisch um eine Klasse-II-Läsion handelt, ist sie nach Mount/Hume als “Size 0” klassifiziert. Dies bedeutet, dass hier keine invasive Füllungstherapie indiziert ist. Die Behandlung ist nicht-invasiv: Instruktion und Professionalisierung der Interdentalraumhygiene (Zahnseide, Interdentalbürstchen), lokale Fluoridierung und regelmäßige Kontrolle (radiologisch nach 12-18 Monaten), um eine Progression auszuschließen oder eine Arretierung zu bestätigen.