Lektion 16: Die adhäsive Befestigung von Vollkeramik – Ein detailliertes klinisches Protokoll
A. Klinische Relevanz
Die adhäsive Befestigung ist der finale und kritischste Akt bei der Eingliederung von Vollkeramik-Restaurationen. Insbesondere bei Glaskeramiken wie Lithium-Disilikat ist der Klebeverbund nicht nur für die Retention zuständig, sondern er ist ein integraler Bestandteil der mechanischen Stabilität der gesamten Versorgung. Ein Fehler in diesem hochgradig techniksensitiven, mehrstufigen Protokoll kann den Erfolg der gesamten, oft aufwendigen und teuren Behandlung zunichtemachen. Diese Lektion vermittelt ein detailliertes, evidenzbasiertes Schritt-für-Schritt-Protokoll für eine vorhersagbare und langlebige adhäsive Befestigung, wobei die entscheidenden Unterschiede in der Vorbehandlung der verschiedenen Keramikarten hervorgehoben werden.
B. Detailliertes Fachwissen
Der Prozess der adhäsiven Befestigung umfasst zwei separate Arbeitsabläufe, die am Ende zusammengeführt werden: die Konditionierung der Keramik und die Konditionierung des Zahnes.
1. Die Konditionierung (Vorbereitung) der Keramik Das Protokoll ist materialabhängig und nicht austauschbar.
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a) Silikat-/Glaskeramiken (z.B. Feldspat, Lithium-Disilikat / e.max):
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Schritt 1: Ätzen mit Flusssäure (HF). Dies ist der wichtigste Schritt. Die HF-Säure (Konzentration 5-9%) löst selektiv die Glasmatrix aus der Keramikoberfläche heraus und erzeugt eine hochretentive, mikroporöse Oberfläche. Achtung: Flusssäure ist extrem toxisch und ätzend! Strikte Sicherheitsmaßnahmen sind erforderlich.
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Schritt 2: Silanisiererung. Nach dem gründlichen Abspülen und Trocknen der Keramik wird ein Silan-Haftvermittler auf die geätzte Fläche aufgetragen. Das Silan ist ein bifunktionelles Molekül, das eine chemische Brücke zwischen der Siliziumdioxid-Struktur der Keramik und der organischen Matrix des Kompositzements bildet.
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b) Oxidkeramiken (Zirkonoxid):
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Problem: Zirkonoxid enthält keine Glasphase und kann daher nicht mit Flusssäure geätzt werden.
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Schritt 1: Mechanische Oberflächenaktivierung. Die Klebefläche wird mittels Sandstrahlen (Air-Abrasion) mit speziellem Aluminiumoxid-Pulver (ca. 50 µm) bei niedrigem Druck (ca. 1-2 bar) aufgeraut. Dies schafft eine mikromechanische Retention.
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Schritt 2: Chemische Aktivierung (Primer). Auf die sandgestrahlte Oberfläche wird ein spezieller Zirkonoxid-Primer aufgetragen. Dieser enthält das Haftmonomer MDP (10-Methacryloyloxydecyl-dihydrogenphosphat), dessen Phosphatgruppe eine starke, dauerhafte chemische Bindung mit den Metalloxiden des Zirkonoxids eingehen kann.
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2. Die Konditionierung (Vorbereitung) des Zahnes
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Schritt 1: Absolute Trockenlegung. Die Anwendung von Kofferdam ist für eine vorhersagbare adhäsive Befestigung obligatorisch.
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Schritt 2: Reinigung der Präparation. Der Zahnstumpf muss penibel von allen Resten des provisorischen Zements gereinigt werden, z.B. mit Bürstchen und Bimssteinpulver.
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Schritt 3: Adhäsives Protokoll. Das bewährte Adhäsivprotokoll (wie in Lektion 19/20 des Kariologie-Kurses beschrieben) wird angewendet, idealerweise im Modus der selektiven Schmelzätzung.
3. Der Zementierungsprozess
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Zementwahl: Verwendet werden Kompositzemente. Je nach Dicke und Opazität der Keramik werden rein lichthärtende (für dünne Veneers) oder dual-härtende (für Kronen/Teilkronen) Zemente gewählt.
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Try-in: Vor der finalen Befestigung wird die Farbe mit wasserlöslichen Try-in-Pasten überprüft.
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Einsetzen: Der Zement wird in die konditionierte Restauration appliziert, diese wird auf den präparierten Zahn gesetzt und Überschüsse werden sorgfältig entfernt.
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Polymerisation: Eine gründliche Lichthärtung von allen Seiten schließt den Prozess ab.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Häufigste Fehlerquelle: Kontamination. Jeglicher Kontakt der vorbereiteten Klebeflächen (an Zahn oder Keramik) mit Speichel oder Blut führt zu einem sofortigen und vollständigen Haftversagen.
Fallbeispiel: Befestigung einer Lithium-Disilikat-Teilkrone
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Szenario: Eine laborgefertigte Teilkrone aus IPS e.max an Zahn 36 soll definitiv eingesetzt werden.
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Analyse: Es handelt sich um eine Glaskeramik, die zwingend adhäsiv befestigt werden muss. Das HF/Silan-Protokoll ist anzuwenden.
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Klinisches Protokoll:
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Anprobe: Passung, Approximalkontakte und Okklusion werden überprüft.
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Isolation: Kofferdam wird von Zahn 37 bis 35 angelegt.
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Konditionierung der Keramik: Die Klebefläche der Teilkrone wird für 20 Sekunden mit 5%iger Flusssäure geätzt, abgespült, getrocknet und anschließend silanisiert.
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Konditionierung des Zahnes: Die Präparation wird mit Bimsstein gereinigt, sandgestrahlt, mit Phosphorsäure (selektiv am Schmelz) geätzt und mit einem Universaladhäsiv benetzt.
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Zementierung: Ein dual-härtender Kompositzement wird appliziert, die Teilkrone eingesetzt und Überschüsse werden nach kurzer “Anpolymerisation” (“Tack-Curing”) im Gel-Zustand sorgfältig mit Scalern und Zahnseide entfernt.
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Finale Polymerisation: Der Zement wird von allen Seiten für jeweils 40-60 Sekunden ausgehärtet.
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Finishing: Die Zementfugen werden mit Finierern und Polierern perfektioniert.
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Ergebnis: Durch die strikte Einhaltung des materialspezifischen, mehrstufigen Protokolls wird ein unlösbarer, dichter Verbund zwischen Keramik und Zahn hergestellt. Dieser Verbund verleiht der Restauration ihre endgültige Festigkeit und sichert den langfristigen klinischen Erfolg.