Lektion 17: Die konventionelle Zementierung – Wann und wie?
A. Klinische Relevanz
Auch im Zeitalter der Adhäsivtechnik hat die konventionelle Zementierung ihre feste und wichtige Berechtigung in der festsitzenden Prothetik. Sie ist ein technisch einfacheres, schnelleres und oft fehlertoleranteres Verfahren, das bei korrekter Indikationsstellung exzellente Langzeiterfolge aufweist. Im Gegensatz zur adhäsiven Befestigung, die einen mikromechanischen und chemischen Verbund anstrebt, beruht die konventionelle Zementierung auf dem Prinzip der makromechanischen Friktion. Das Wissen, wann eine aufwendige adhäsive Befestigung zwingend ist und wann eine einfache konventionelle Zementierung ausreicht, ist ein Zeichen klinischer Erfahrung und Effizienz.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Das Prinzip: Makro-mechanische Retention
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Abgrenzung zur Adhäsivtechnik: Die konventionelle Zementierung ist kein Klebeverfahren.
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Mechanismus: Der Zement wirkt als passiver Fugenfüller. Er füllt den mikroskopischen Spalt zwischen Krone und Zahnstumpf aus. Der Halt der Krone wird primär durch die Friktion zwischen den parallelen Wänden der Präparation und der Krone gewährleistet, nachdem der Zement ausgehärtet ist.
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Zwingende Voraussetzung: Dieses Prinzip funktioniert nur, wenn die Präparation selbst hoch-retentiv ist, d.h. wenn die Zahnstümpfe ausreichend hoch (≥ 4 mm) und annähernd parallel (Konvergenzwinkel ≤ 10°) sind. Die Retention steckt in der Präparation, nicht im Zement.
2. Indikationen für die konventionelle Zementierung Die konventionelle Zementierung ist indiziert für Restaurationen, die eine hohe Eigenstabilität besitzen und keine adhäsive Verstärkung benötigen.
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Materialabhängige Indikationen:
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Alle metallbasierten Versorgungen: Vollgusskronen, Verblend-Metall-Keramik (VMK)-Kronen und -Brücken.
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Hochfeste Oxidkeramiken: Monolithische Zirkonoxid-Kronen und -Brücken, vorausgesetzt, die Präparation ist ausreichend retentiv.
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Situationsabhängige Indikationen:
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Wenn eine absolute Trockenlegung für ein adhäsives Protokoll nicht sichergestellt werden kann (z.B. bei sehr tiefen, subgingivalen Rändern).
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3. Materialien für die konventionelle Zementierung
4. Das klinische Vorgehen
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Anprobe: Die finale Krone wird anprobiert, die Passung und Okklusion werden überprüft.
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Reinigung und Trocknung: Die Krone wird innen (z.B. mit Alkohol) und der Zahnstumpf (z.B. mit Bimsstein) gereinigt und getrocknet.
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Anmischen und Applikation: Der Zement wird nach Herstellerangaben angemischt und dünn auf die Innenflächen der Krone aufgetragen.
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Einsetzen: Die Krone wird mit gleichmäßigem, festem Druck auf den Stumpf gesetzt, bis sie vollständig in Position ist. Der Patient wird gebeten, auf einen Watteroll zu beißen.
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Überschussentfernung (kritischer Schritt): Der Zement wird bis zu einer gummiartigen Konsistenz aushärten gelassen. In dieser Phase lassen sich die groben Überschüsse mit einem Scaler oder einer Sonde leicht entfernen. Anschließend müssen die Approximalräume akribisch mit Zahnseide (mit Knoten) gereinigt werden.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Die Entscheidung bei Zirkonoxid: Adhäsiv vs. Konventionell?
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Konventionell zementieren: Ist möglich und oft ausreichend, wenn die Präparation hoch-retentiv ist (Stumpfhöhe ≥ 4 mm, geringe Konizität). Dies ist schneller und einfacher.
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Adhäsiv befestigen: Ist zwingend erforderlich bei nicht-retentiven Präparationen. Es ist aber generell zu empfehlen, da es die Retention erhöht und den Verbund zwischen Krone und Zahn verbessert. Der heutige Konsens lautet: Zirkonoxid wenn möglich adhäsiv befestigen.
Fallbeispiel:
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Szenario: Eine dreigliedrige VMK-Brücke von Zahn 35 auf 37 soll definitiv eingesetzt werden. Die Pfeilerstümpfe sind 6 mm hoch und wurden mit einem Konvergenzwinkel von 8° präpariert.
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Analyse:
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Material: Die VMK-Brücke besitzt eine hohe Eigenstabilität.
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Präparation: Die Stümpfe sind aufgrund ihrer Höhe und Parallelität extrem retentiv.
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Situation: Eine adhäsive Befestigung einer dreigliedrigen Brücke unter Kofferdam ist aufwendig.
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Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Die konventionelle Zementierung ist hier die Methode der Wahl – sie ist sicher, bewährt und deutlich einfacher durchzuführen.
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Vorgehen:
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Nach der Anprobe werden die Stümpfe und die Brücke gereinigt.
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Ein kunststoffmodifizierter Glasionomerzement (KM-GIZ) wird angemischt.
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Der Zement wird in die Ankerkronen gefüllt und die Brücke wird eingesetzt.
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Nach der Lichthärtung zur initialen Fixierung werden die groben Überschüsse entfernt, bevor der Zement chemisch vollständig aushärtet.
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Ergebnis: Die Brücke ist sicher, dicht und langlebig zementiert. Der KM-GIZ bietet zusätzliche Sicherheit durch seine leichte chemische Adhäsion und die Fluoridfreisetzung. Das Vorgehen war signifikant schneller und weniger techniksensitiv als eine adhäsive Befestigung.