Lektion 12: Die konventionelle, festsitzende Brücke – Indikation, Design und klinisches Vorgehen
A. Klinische Relevanz
Die festsitzende Brücke ist die klassische und bewährte Methode, um eine oder mehrere fehlende Zähne mit einem festsitzenden Zahnersatz zu versorgen. Obwohl die Implantologie heute viele Alternativen bietet, bleibt die Brücke eine zentrale Versorgungform in der Prothetik. Ihre Hauptindikation liegt heute insbesondere dort, wo die die Lücke begrenzenden Pfeilerzähne ohnehin einer Überkronung bedürfen. Das Verständnis für die korrekte Indikationsstellung, die Designprinzipien des Brückenzwischenglieds und den klinischen Arbeitsablauf ist entscheidend für die Herstellung einer funktionellen, hygienefähigen und langlebigen Versorgung.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Terminologie und Komponenten einer Brücke
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Brückenpfeiler: Die natürlichen Zähne, die als “Fundament” dienen und zu diesem Zweck überkront werden.
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Brückenanker: Die Kronen, die auf den Pfeilerzähnen zementiert werden.
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Brückenkörper (Pontic): Der künstliche Zahn, der den fehlenden Zahn ersetzt.
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Brückenverbinder: Die starren Verbindungsstellen zwischen Ankern und Brückenkörper.
2. Indikationen für eine konventionelle Brücke
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Lückenschluss bei Verlust von einem bis maximal zwei (in Ausnahmefällen drei) Zähnen.
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Vorhandensein von stabilen, parodontal gesunden und prognostisch günstigen Pfeilerzähnen an beiden Enden der Lücke.
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Die Idealindikation: Die potenziellen Pfeilerzähne sind bereits stark gefüllt, kariös oder benötigen aus anderen Gründen selbst eine Krone. Das Beschleifen ist hier keine Opferung gesunder Zahnsubstanz, sondern eine ohnehin notwendige Therapie.
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Als Alternative, wenn Implantate aus medizinischen, anatomischen oder finanziellen Gründen nicht möglich oder vom Patienten nicht gewünscht sind.
3. Das Design des Brückenkörpers (Pontic) Die Form des Pontics im Kontakt zur Schleimhaut ist entscheidend für Ästhetik und Hygienefähigkeit.
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Schwebebrückenglied (Hygienic Pontic): Hat keinen Kontakt zur Gingiva. Ist sehr gut zu reinigen, aber unästhetisch. Nur im nicht-sichtbaren Unterkiefer-Molarenbereich indiziert.
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Ovat-förmiges Brückenglied (Ovate Pontic): Das ästhetisch anspruchsvollste Design. Die eiförmige Basis des Pontics taucht in eine zuvor chirurgisch ausgeformte Mulde in der Gingiva ein, was den Eindruck eines natürlich herauswachsenden Zahnes erweckt. Indiziert für höchste ästhetische Ansprüche im Frontzahnbereich.
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Modifizierter Sattel (Modified Ridge Lap): Der klinische Standard. Das Pontic hat einen punkt- oder T-förmigen, konvexen und hochpolierten Kontakt zur bukkalen Seite des Kieferkamms, um eine gute Ästhetik zu gewährleisten. Zur lingualen/palatinalen Seite hin ist es eingezogen, um eine gute Reinigungsfähigkeit mit Zahnseide oder Interdentalbürsten zu ermöglichen.
4. Das klinische Vorgehen Schritt für Schritt
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Planung: Umfassende Pfeilerbewertung und diagnostischer Wax-up.
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Präparation der Pfeilerzähne: Beide Pfeilerzähne werden für Vollkronen präpariert. Die größte technische Herausforderung ist die Schaffung einer gemeinsamen Einschubrichtung. Die präparierten axialen Wände aller Pfeiler müssen zueinander parallel sein.
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Provisorische Versorgung: Eine provisorische Brücke schützt die Pfeiler und sichert die Biss-Situation.
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Präzisionsabformung.
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Gerüstanprobe (bei VMK): Anprobe des Metallgerüstes zur Überprüfung der Passung.
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Rohbrandanprobe: Anprobe der Brücke mit der fertig modellierten, aber noch unglasierten Keramik. Überprüfung von Passung, Okklusion, Approximalkontakten und Ästhetik. Dies ist die letzte Möglichkeit für Korrekturen.
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Definitive Befestigung: Nach dem Glasurbrand wird die Brücke definitiv zementiert (konventionell oder adhäsiv).
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Die Entscheidung: Brücke vs. Implantat Dies ist eine der häufigsten strategischen Entscheidungen in der restaurativen Zahnheilkunde.
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Sind die Nachbarzähne gesund und füllungsfrei? -> Ein Implantat ist fast immer die überlegene, substanzschonendere Therapie, da es das Beschleifen gesunder Zähne vermeidet.
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Sind die Nachbarzähne bereits stark gefüllt oder überkronungsbedürftig? -> Eine Brücke ist hier eine exzellente und oft auch kosteneffizientere Option, da die Pfeilerzähne ohnehin von der Überkronung profitieren.
Fallbeispiel:
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Szenario: Ein 60-jähriger Patient verliert Zahn 24. Die Nachbarzähne 23 (Eckzahn) und 25 (zweiter Prämolar) haben beide ausgedehnte, insuffiziente und sekundär-kariöse Füllungen und sind ebenfalls behandlungsbedürftig. Ein Implantat wird vom Patienten aus finanziellen Gründen abgelehnt.
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Analyse:
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Pfeiler: Beide potenziellen Pfeilerzähne sind parodontal gesund und haben eine gute Wurzelverankerung.
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Restaurativer Bedarf: Beide Pfeiler benötigen ohnehin eine neue, stabilisierende Versorgung, wahrscheinlich eine Teil- oder Vollkrone.
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Indikation: Dies ist die klassische Idealindikation für eine dreigliedrige Brücke.
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Klinische Konsequenz & Vorgehen:
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Die Zähne 23 und 25 werden für Vollkronen präpariert, wobei auf eine parallele Einschubrichtung geachtet wird.
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Nach Abformung und labor-technischer Herstellung wird eine dreigliedrige Zirkonoxid-Brücke eingegliedert.
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Ergebnis: Mit einer einzigen prothetischen Versorgung wurden drei Probleme gelöst: Die insuffizienten Füllungen an den Zähnen 23 und 25 wurden therapiert und die Lücke an Position 24 wurde geschlossen. Die Brücke stellt eine funktionell und ästhetisch hochwertige sowie langlebige Lösung für diese spezifische klinische Situation dar.