Lektion 9: Veneers (Keramikverblendschalen) – Minimalinvasive Ästhetik im Frontzahnbereich

A. Klinische Relevanz

 

Veneers sind der Inbegriff der modernen, elektiven ästhetischen Zahnheilkunde. Es handelt sich um hauchdünne Keramikschalen, die adhäsiv auf die Vorderseite von Frontzähnen geklebt werden, um deren Form, Farbe oder Stellung zu korrigieren. Im Gegensatz zu einer Krone ist die Veneer-Präparation extrem substanzschonend und oft auf den Schmelz beschränkt. Die Technik ist jedoch eine der anspruchsvollsten in der Zahnmedizin und erfordert ein tiefes Verständnis für Ästhetik, Materialkunde und vor allem für die adhäsive Befestigung. Bei korrekter Indikation und Durchführung ermöglichen Veneers ästhetische Transformationen von höchster Qualität und Langlebigkeit.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Definition und Prinzip

  • Definition: Eine Veneer ist eine laborgefertigte Teilkrone, die primär die faziale (lippenseitige) und inzisale Fläche eines Zahnes bedeckt.

  • Prinzip: Es ist eine rein adhäsive und oft additive Restauration. Ihre gesamte Stabilität und Retention erhält sie durch den mikromechanischen Verbund mit der darunterliegenden Zahnhartsubstanz, idealerweise dem Schmelz.

2. Indikationen Die Indikation ist fast ausschließlich ästhetischer Natur, an ansonsten gesunden oder nur minimal gefüllten Frontzähnen:

  • Permanente, intrinsische Verfärbungen, die auf ein Bleaching nicht ansprechen (z.B. Tetracyclin-Verfärbungen, schwere Fluorose).

  • Korrektur von Zahnform-Anomalien (z.B. Zapfenzähne).

  • Diastema-Schluss (ästhetisch störende Lücken zwischen den Frontzähnen).

  • Geringfügige Stellungskorrekturen als schnelle Alternative zur Kieferorthopädie (“Instant Orthodontics”).

  • Wiederherstellung der Schneidekantenlänge bei moderater Attrition oder nach kleinen Frakturen.

3. Absolute Kontraindikationen

  • Unzureichende Zahnhartsubstanz: Ein Veneer benötigt eine stabile, größtenteils aus Schmelz bestehende Klebefläche. Stark gefüllte oder kariös zerstörte Zähne benötigen eine Krone.

  • Starke Parafunktionen (Bruxismus): Unkontrolliertes Knirschen kann die dünnen Keramikschalen frakturieren lassen. Eine Behandlung ist oft nur in Kombination mit einer Okklusionsschiene möglich.

  • Aktive Karies oder Parodontitis.

  • Unzureichende Mundhygiene.

4. Die Präparation: Minimalinvasiv als oberstes Gebot

  • Non-Prep Veneers: In idealen Fällen, in denen nur Volumen hinzugefügt werden soll (z.B. Zapfenzahn), kann ein Veneer manchmal ganz ohne Präparation auf den Zahn geklebt werden.

  • Minimale Präparation (Regelfall): Meist ist ein sehr geringer Substanzabtrag von 0,3 – 0,7 mm auf der fazialen Seite notwendig, um Platz für die Keramik zu schaffen und eine definierte Präparationsgrenze zu erhalten. Die Präparation liegt idealerweise vollständig im Schmelz.

  • Inzisale Gestaltung: Die Schneidekante wird entweder nur leicht gekürzt (“Butt Joint”) oder vom Veneer umfasst (“Incisal Wrap”), was die Stabilität erhöht.

5. Materialien

  • Feldspatkeramik: Die klassische, vom Zahntechniker individuell geschichtete Keramik. Bietet die höchste und lebendigste Ästhetik, ist aber auch am zerbrechlichsten.

  • Lithium-Disilikat-Glaskeramik (z.B. IPS e.max): Der moderne Goldstandard. Wird gepresst oder gefräst (CAD/CAM). Bietet eine exzellente Kombination aus hoher Festigkeit und herausragender Ästhetik.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die entscheidende Planungsphase: Wax-up & Mock-up Da es sich um einen elektiven Eingriff handelt, ist es ethisch und klinisch geboten, dem Patienten das geplante Ergebnis vor jedem irreversiblen Schritt zu visualisieren.

  • Wax-up: Der Zahntechniker modelliert die gewünschte neue Zahnform in Wachs auf einem Gipsmodell.

  • Mock-up: Mittels eines Silikonschlüssels vom Wax-up wird diese neue Form mit temporärem Komposit direkt auf die unpräparierten Zähne des Patienten im Mund übertragen. Der Patient kann sein “neues Lächeln” live im Spiegel sehen, beurteilen und freigeben, bevor auch nur ein Mikrometer seines Zahnes beschliffen wird.

Die adhäsive Befestigung: Ein Protokoll der Präzision Die Eingliederung ist der kritischste Schritt und erfordert absolute Trockenlegung (Kofferdam).

  1. Vorbereitung des Veneers: Die Klebefläche der Keramik wird mit Flusssäure geätzt und anschließend silanisiert, um eine chemische Verbindung zum Kompositzement zu ermöglichen.

  2. Vorbereitung des Zahnes: Der Schmelz wird mit Phosphorsäure geätzt und mit einem Adhäsiv (Bonding) benetzt.

  3. Zementierung: Ein spezieller, oft lichthärtender Kompositzement wird verwendet, um das Veneer spannungsfrei zu positionieren. Überschüsse werden sorgfältig entfernt, bevor die finale Lichthärtung erfolgt.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Eine 24-jährige Patientin ist unglücklich über ihre Zapfen-förmigen seitlichen Schneidezähne (Zähne 12 und 22), die ihr Lächeln unharmonisch wirken lassen.

  • Analyse: Dies ist die klassische Indikation für eine rein additive, ästhetische Korrektur. Veneers sind die substanzschonendste und ideale Lösung.

  • Klinische Konsequenz & Vorgehen:

    1. Planungsphase: Nach Fotos und Abformungen wird ein Wax-up der idealen Form erstellt. Beim nächsten Termin wird der Patientin ein Mock-up präsentiert, welches sie begeistert freigibt.

    2. Präparation & Abformung: Es erfolgt eine minimalinvasive Präparation (ca. 0,5 mm) nur an den bukkalen Flächen, um den Zähnen die korrekte Form zu geben. Eine Präzisionsabformung wird genommen.

    3. Eingliederung: Die fertigen Lithium-Disilikat-Veneers werden unter Kofferdam nach einem strengen adhäsiven Protokoll definitiv eingesetzt.

  • Ergebnis: Die Patientin erhält ein harmonisches, natürliches Lächeln. Die Behandlung war extrem zahnhartsubstanz-schonend und hat das ästhetische Problem vorhersagbar und langlebig gelöst. Die Mock-up-Phase war der Schlüssel zur Sicherstellung der Patientenzufriedenheit.