Lektion 2: Präparationsprinzipien für Voll- und Teilkronen (Hohlkehle vs. Stufe)

A. Klinische Relevanz

 

Die Präparation (das Beschleifen) eines Zahnes ist ein irreversibler, hochpräziser chirurgischer Eingriff. Die dabei geschaffene Geometrie des Zahnstumpfes ist das Fundament, auf dem die Krone sitzt, und diktiert maßgeblich deren Passgenauigkeit, Stabilität und Langlebigkeit. Eine fehlerhafte Präparation ist eine der Hauptursachen für das Scheitern von festsitzendem Zahnersatz. Diese Lektion vermittelt die fundamentalen biomechanischen und biologischen “Konstruktionsregeln” der Zahnpräparation, insbesondere die Gestaltung des Kronenrandes, um eine vorhersagbare und substanzschonende Versorgung zu gewährleisten.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Die drei Grundprinzipien der Präparation Jede Präparation ist ein Kompromiss aus drei oft konkurrierenden Zielen:

  1. Biologisches Prinzip: Erhalt von maximal viel gesunder Zahnsubstanz; Vermeidung einer Schädigung der Pulpa (thermisch, mechanisch); Erhalt der parodontalen Gesundheit (supragingivale Ränder).

  2. Mechanisches Prinzip: Schaffung einer Form, die der Krone Retention (Widerstand gegen Abzugskräfte) und Stabilität (Widerstand gegen Kipp- und Rotationskräfte) verleiht.

  3. Ästhetisches Prinzip: Ausreichender Substanzabtrag, um dem Zahntechniker genügend Platz für eine ästhetische Verblendung zu geben.

2. Die Geometrie des Zahnstumpfes

  • Der Konvergenzwinkel (Taper): Die axialen Wände der Präparation müssen leicht konisch (konvergent) nach okklusal zulaufen, damit die Krone aufgesetzt werden kann.

    • Ideal: Ein totaler Konvergenzwinkel von 6° – 10°.

    • Zu steil (< 6°): Erzeugt Unterschnitte, die Krone passt nicht.

    • Zu konisch (> 12°): Die Retention geht verloren, die Krone fällt ab.

  • Der Substanzabtrag: Muss an das geplante Restaurationsmaterial angepasst sein.

    • Okklusal: Muss der Anatomie der Kaufläche folgen (“anatomische Reduktion”) und je nach Material 1,0 – 2,0 mm betragen.

    • Axial: Muss genügend Platz für eine ästhetische Verblendung und eine stabile Materialstärke schaffen.

  • Die Präparationsgrenze: Der definierte Abschluss der Präparation am zervikalen Rand.

    • Lokalisation: Sollte, wann immer ästhetisch und retentiv möglich, supragingival (oberhalb des Zahnfleischrandes) liegen. Dies schont das Parodont und erleichtert alle nachfolgenden Arbeitsschritte (Abformung, Befestigung, Hygienefähigkeit).

3. Die Formen der Präparationsgrenze Die Gestaltung der “Abschlusskante” ist entscheidend für die Passung und Stabilität der Krone.

Präparationsgrenze Geometrie Indikation Vorteile Nachteile
Hohlkehle (Chamfer) Konkaver, abgerundeter Übergang. Goldstandard für monolithische Vollkeramik (Zirkonoxid, Lithium-Disilikat) und Vollgusskronen. – Guter Kompromiss aus Substanzschonung und Stabilität. – Vermeidet Spannungsspitzen in der Keramik. Erfordert spezifische, torpedoförmige Diamanten.
Rechtwinklige Stufe (Shoulder) Exakter 90°-Absatz. Klassisch für die vestibuläre Seite von Verblend-Metall-Keramik (VMK)-Kronen; ältere Keramiksysteme. Bietet maximale Materialstärke und damit Stabilität für die Verblendkeramik. Sehr invasiv, hoher Substanzverlust im kritischen Zahnhalsbereich.
Auslaufend (Feather Edge) Scharfer, undefinierter Übergang. Nur für Vollguss-Goldkronen. Maximal substanzschonend. Absolut kontraindiziert für spröde Keramiken, da der dünne Rand unweigerlich frakturieren würde.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die Vermeidung typischer Fehler:

  • Unterschnitte: Der häufigste Fehler. Die Einschubrichtung muss aus allen Perspektiven (idealerweise mit einem geschlossenen Auge) kontrolliert werden.

  • Scharfe Kanten: Alle Übergänge von den axialen Wänden zur Kaufläche müssen abgerundet werden, um Spannungsspitzen zu vermeiden und die Passung der Restauration zu gewährleisten.

Fallbeispiel: Präparation für eine monolithische Zirkonoxid-Krone

  • Szenario: Zahn 26 soll aufgrund einer großen, insuffizienten Füllung mit einer modernen Vollkeramik-Krone aus Zirkonoxid versorgt werden.

  • Analyse: Zirkonoxid ist extrem stabil, reagiert aber empfindlich auf scharfe Kanten. Es benötigt keine massive Stufe wie alte Keramiken, aber eine klar definierte Grenze für eine präzise digitale Erfassung (Scan) und Fertigung (CAD/CAM).

  • Klinische Konsequenz & Vorgehen:

    1. Substanzabtrag: Okklusal werden 1,2-1,5 mm und axial ca. 1,0 mm der Zahnsubstanz abgetragen.

    2. Konvergenz: Die axialen Wände werden mit einem Konvergenzwinkel von ca. 8° gestaltet.

    3. Präparationsgrenze: Zirkulär wird mit einem abgerundeten, zylindrischen Diamanten eine deutliche Hohlkehle angelegt, die 0,5 mm supragingival liegt.

    4. Finishing: Alle Kanten und Übergänge werden mit einem feinkörnigen Diamanten geglättet und abgerundet.

  • Ergebnis: Die Präparation ist substanzschonender als eine klassische Stufenpräparation. Sie bietet eine spannungsfreie Geometrie und eine klar definierte Passung, die ideal für die digitale Fertigung und die Langlebigkeit einer monolithischen Zirkonoxid-Krone ist.