Lektion 7: Fissurenversiegelung an Milchmolaren und bleibenden Molaren

A. Klinische Relevanz

 

Die Fissurenversiegelung ist eine der tragenden Säulen der modernen Kariesprävention und eine der wirksamsten zahnärztlichen Einzelmaßnahmen überhaupt. Während Fluoride einen exzellenten Schutz für Glattflächen bieten, sind die tiefen, zerklüfteten Grübchen und Fissuren der Kauflächen – insbesondere der frisch durchgebrochenen Molaren – für sie nur schwer erreichbar. Genau hier setzen Fissurenversiegelungen an: Sie schaffen eine physikalische Barriere, die diese anatomischen Nischen verschließt und in eine leicht zu reinigende Oberfläche umwandelt. Die korrekte Indikationsstellung und eine sorgfältige Applikation können das Kariesrisiko an den Kauflächen um über 80% senken.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Risikoadaptierte Indikationsstellung Eine Fissurenversiegelung wird nicht routinemäßig auf jeden Zahn appliziert, sondern nach einer individuellen Risikoanalyse.

  • Hauptindikation: Die ersten und zweiten bleibenden Molaren (“6er” und “7er”), da hier statistisch die meiste Karies entsteht.

    • Idealer Zeitpunkt: So bald wie möglich nach dem Zahndurchbruch, sobald eine adäquate Trockenlegung des Zahnes möglich ist. Der Schmelz ist in dieser post-eruptiven Phase noch unreif und am anfälligsten.

    • Morphologie: Die Indikation ist umso stärker, je tiefer und zerklüfteter (“kariesgefährdet”) das Fissurenrelief ist.

    • Patientenrisiko: Eine Versiegelung ist besonders wichtig bei Kindern mit einem erhöhten oder hohen Kariesrisiko (z.B. bereits Karies im Milchgebiss, schlechte Mundhygiene, ungünstige Ernährung).

  • Versiegelung von Milchmolaren:

    • Keine Routinemaßnahme, aber stark indiziert bei Milchmolaren mit sehr tiefen Fissuren bei Kindern mit sehr hohem Kariesrisiko (ECC-Patienten), um die Zähne bis zum physiologischen Zahnwechsel zu erhalten.

  • Versiegelung von Prämolaren: Indiziert bei kariesgefährdeter Fissurenmorphologie.

2. Materialien

  • Kompositbasierte Versiegler (Goldstandard):

    • Material: Dünnfließende Kunststoffe auf Dimethacrylat-Basis (z.B. Bis-GMA), die oft zur besseren Kontrolle weiß eingefärbt sind und Fluorid freisetzen.

    • Vorteile: Exzellente Retention (Haltbarkeit) und hohe Abrasionsfestigkeit.

    • Nachteil: Benötigen für eine erfolgreiche Applikation eine absolute Trockenlegung.

  • Glasionomerzement (GIZ)-basierte Versiegler:

    • Material: Selbsthärtende oder kunststoffmodifizierte Zemente, die Fluorid abgeben.

    • Vorteile: Weniger feuchtigkeitsempfindlich in der Verarbeitung, kontinuierliche Fluoridfreisetzung.

    • Nachteile: Signifikant geringere Haltbarkeit und Abriebfestigkeit als Komposite.

    • Spezifische Indikation: Als temporäre oder intermediäre Versiegelung bei noch nicht vollständig durchgebrochenen Molaren, bei denen eine adäquate Trockenlegung noch unmöglich ist.

3. Das klinische Vorgehen (Kompositversiegler)

  1. Reinigung: Gründliche Reinigung der Fissur (z.B. mit Bürstchen und fluoridfreier Paste), um den Biofilm vollständig zu entfernen.

  2. Trockenlegung: Sorgfältige relative Trockenlegung mit Watterollen und Sauger. Der Zahn muss für die folgenden Schritte absolut trocken sein.

  3. Anätzen: Applikation von 37%iger Phosphorsäure für 15-30 Sekunden zur Schaffung eines mikromechanischen Retentionsmusters.

  4. Spülen und Trocknen: Gründliches Abspülen der Säure und sorgfältiges Trocknen. Der Schmelz muss ein kreidig-weißes Erscheinungsbild zeigen.

  5. Applikation des Versieglers: Das dünnfließende Material wird mit einer feinen Kanüle in die Fissuren appliziert und blasenfrei verteilt.

  6. Lichthärtung: Polymerisation mit einer LED-Lampe für 20-40 Sekunden.

  7. Kontrolle: Überprüfung auf vollständige Bedeckung und festen Halt mit einer Sonde. Kontrolle der Okklusion und Entfernung eventueller Störkontakte.

4. Erweiterte Fissurenversiegelung Bei einer unklaren, verfärbten Fissur (Verdacht auf initiale Schmelzkaries, ICDAS 1-2) kann die Fissur vor der Versiegelung mit einem sehr feinen Bohrer minimal geöffnet werden (“Fissurotomie”). Dies entfernt die initiale Läsion und sichert die Diagnose, bevor der Versiegler appliziert wird.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Langzeit-Management: Versiegelungen müssen bei jeder Kontrolluntersuchung sorgfältig auf ihre Integrität überprüft werden. Ein teilweiser Verlust (“Chipping”) ist gefährlich, da er eine künstliche, nicht reinigungsfähige Nische schafft. Beschädigte Versiegelungen müssen umgehend repariert oder erneuert werden.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Ein 7-jähriges Kind mit mäßigem Kariesrisiko (einige Füllungen im Milchgebiss) stellt sich zur Kontrolle vor. Die ersten bleibenden Molaren (Zähne 16, 26, 36, 46) sind vollständig durchgebrochen und zeigen ein tiefes, zerklüftetes Fissurenrelief.

  • Analyse: Dies ist die klassische Indikation für eine Fissurenversiegelung.

    • Zahnfaktor: Hohes morphologisches Risiko.

    • Zeitfaktor: Der Schmelz ist noch in der vulnerablen Reifephase.

    • Patientenfaktor: Erhöhtes Kariesrisiko.

  • Klinische Konsequenz: Es wird eine Fissurenversiegelung aller vier 6-Jahres-Molaren empfohlen und durchgeführt.

  • Aufklärung der Eltern: “Die Kauflächen der neuen, bleibenden Backenzähne haben tiefe Rillen, die Ihr Kind mit der Zahnbürste nicht sauber halten kann. Dort entsteht die meiste Karies. Mit diesem Schutzlack machen wir die Oberfläche glatt und pflegeleicht und schützen den Zahn für viele Jahre.”

  • Ergebnis: Die kariesanfälligsten Flächen im Gebiss des Kindes wurden proaktiv geschützt. Das Risiko für eine okklusale Karies an diesen Zähnen in der Zukunft wurde signifikant und mit minimalem Aufwand reduziert.