Lektion 31: Klinisches Management des Paro-Med-Patienten – Interdisziplinäre Zusammenarbeit

A. Klinische Relevanz

 

Diese Lektion ist die Synthese des gesamten Moduls. Sie übersetzt das theoretische Wissen über die oral-systemischen Zusammenhänge in ein konkretes klinisches Handlungskonzept. Der “Paro-Med-Patient” – also der Patient mit Parodontitis und relevanten Allgemeinerkrankungen – ist keine seltene Ausnahme, sondern der Regelfall in der zahnärztlichen Praxis. Ein erfolgreiches Management dieser Patienten erfordert mehr als nur exzellente zahnärztliche Fähigkeiten; es erfordert medizinisches Grundwissen, die Fähigkeit zur Risikobewertung und vor allem die Bereitschaft zur aktiven, interdisziplinären Kommunikation mit ärztlichen Kollegen. Die moderne Zahnmedizin endet nicht am Mundhöhlenausgang.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Die Identifikation des “Paro-Med”-Patienten Der erste Schritt ist die systematische Erfassung aller relevanten Informationen.

  • Der medizinische Anamnesebogen: Muss gezielt nach den wichtigsten assoziierten Erkrankungen und Risikofaktoren fragen:

    • Diabetes: Typ? Letzter HbA1c-Wert?

    • Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Herzinfarkt, Schlaganfall, Bluthochdruck, bekannte Atherosklerose?

    • Medikamentenliste: Besondere Aufmerksamkeit gilt Antikoagulantien/Thrombozytenaggregationshemmern, Bisphosphonaten und Medikamenten mit xerostomem Potenzial.

    • Raucherstatus: Quantifizierung in “Pack Years”.

    • Schwangerschaft.

  • Klinische “Red Flags”: Eine schwere, therapieresistente oder für das Alter/die Hygieneverhältnisse unerwartet aggressive Parodontitis sollte immer den Verdacht auf eine unentdeckte oder schlecht eingestellte systemische Erkrankung (v.a. Diabetes) wecken.

2. Risikoadaptierte Behandlungsplanung Die systemische Gesundheit des Patienten beeinflusst die zahnärztliche Therapie direkt.

  • Patienten mit Diabetes:

    • Ziel: HbA1c < 7,0%.

    • Planung: Invasive Eingriffe sollten in Phasen guter Blutzuckereinstellung stattfinden. Bei schlecht eingestellten Diabetikern (HbA1c > 8%) kann eine antibiotische Abschirmung bei chirurgischen Eingriffen erwogen werden. Das UPT-Intervall ist lebenslang kurz (3 Monate).

  • Patienten mit kardiovaskulärem Risiko:

    • Umgang mit Gerinnungshemmern: Nach aktuellen Leitlinien müssen Thrombozytenaggregationshemmer (ASS, Clopidogrel) und die meisten direkten oralen Antikoagulantien (DOAKs) für eine nicht-chirurgische oder einfache chirurgische PA-Therapie nicht abgesetzt werden. Bei Marcumar-Patienten sollte ein aktueller INR-Wert (< 2,5-3,0) vorliegen. Jede Änderung der Medikation erfolgt ausschließlich in Rücksprache mit dem verordnenden Arzt!

    • Endokarditis-Prophylaxe: Bei Hochrisikopatienten (z.B. künstliche Herzklappen) ist vor jeder subgingivalen Instrumentierung eine antibiotische Prophylaxe nach den jeweils gültigen kardiologischen Leitlinien zwingend erforderlich.

3. Die interdisziplinäre Kommunikation: Der Arztbrief Ein kurzer, präziser Brief an den Hausarzt oder Facharzt ist ein Zeichen von Professionalität und fördert die ganzheitliche Patientenbetreuung.

  • Struktur und Inhalt:

    1. Vorstellung & Befund: “Sehr geehrte/r Kollege/in, Ihr/e Patient/in … befindet sich bei uns in parodontologischer Behandlung. Wir haben eine generalisierte, schwere chronische Entzündung (Parodontitis Stadium III, Grad C) mit einer geschätzten Wundfläche von ca. 60 cm² diagnostiziert.”

    2. Relevanz für die Allgemeinmedizin: “Wie Sie wissen, stellt diese hohe systemische Entzündungslast einen etablierten Risikofaktor für [z.B. die Verschlechterung der glykämischen Kontrolle bei Diabetes mellitus / die Progression von atherosklerotischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen] dar.”

    3. Plan & Bitte: “Wir haben eine umfassende anti-infektiöse Therapie eingeleitet. Studien zeigen, dass eine erfolgreiche Reduktion der oralen Entzündungslast [z.B. den HbA1c-Wert positiv beeinflussen kann]. Wir wären Ihnen dankbar, wenn Sie diesen Aspekt im Rahmen Ihrer nächsten Kontrolluntersuchung berücksichtigen könnten.”

    4. Angebot zur Zusammenarbeit: “Für Rückfragen stehen wir Ihnen jederzeit gerne zur Verfügung.”

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die Praxisorganisation: Die Implementierung von standardisierten Anamnesebögen, die regelmäßige Blutdruckmessung und die Verwendung von vorformulierten Arztbrief-Vorlagen können die Integration der parodontalen Medizin in den Praxisalltag erheblich erleichtern.

Fallbeispiel (Synthese):

  • Szenario: Ein 65-jähriger Patient mit bekanntem Typ-2-Diabetes (letzter HbA1c 8,2%), arterieller Hypertonie und einer Anamnese von Stent-Implantation nach Herzinfarkt vor 3 Jahren. Er nimmt Metformin, einen Betablocker und ASS 100. Er raucht seit 40 Jahren. Die klinische Untersuchung ergibt eine schwere generalisierte Parodontitis mit multiplen tiefen Taschen.

  • Analyse: Dies ist ein hochkomplexer “Paro-Med”-Patient, bei dem alle besprochenen Risikofaktoren zusammenkommen. Die Parodontitis ist hier nicht nur eine orale Erkrankung, sondern ein potenziell lebensbedrohlicher Co-Faktor.

  • Klinisches Management:

    1. Umfassende Aufklärung: Dem Patienten muss der “Teufelskreis” aus Parodontitis, Diabetes und Herz-Kreislauf-Risiko eindringlich, aber verständlich erklärt werden. Die Raucherentwöhnung wird als der wichtigste einzelne Schritt thematisiert.

    2. Interdisziplinäre Abklärung: Ein Arztbrief wird an den behandelnden Diabetologen/Kardiologen gesendet. Er informiert über den oralen Befund, bestätigt, dass die geplante Therapie unter der bestehenden Medikation (insbesondere ASS 100) sicher ist und bittet um eine Optimierung der Blutzuckereinstellung.

    3. Therapie: Eine systematische, aber schonende Parodontitis-Therapie wird eingeleitet.

    4. Langzeit-Management: Der Patient wird in ein engmaschiges, lebenslanges UPT-Programm (3-Monats-Intervall) überführt, das bei jedem Termin eine Re-Evaluation seines oralen und systemischen Status sowie eine Re-Motivation zur Risikofaktor-Kontrolle beinhaltet.

  • Schlussfolgerung: Anstatt nur Zähne zu behandeln, agiert das zahnärztliche Team hier als Gesundheitsmanager. Die zahnärztliche Therapie wird zu einem aktiven und integralen Bestandteil der Behandlung der systemischen Grunderkrankungen des Patienten und trägt so potenziell zur Verbesserung seiner Lebensqualität und -erwartung bei.