Lektion 28: Parodontitis und das Risiko für atherosklerotische kardiovaskuläre Erkrankungen (Herzinfarkt, Schlaganfall)
A. Klinische Relevanz
Die Assoziation zwischen Parodontitis und atherosklerotischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen (ASCVD) ist eine der bedeutendsten und potenziell lebensbedrohlichen oral-systemischen Verbindungen. Zahlreiche epidemiologische Studien haben gezeigt, dass eine schwere Parodontitis ein unabhängiger Risikofaktor für die Entstehung und Progression von Atherosklerose und deren Folgen wie Herzinfarkt und Schlaganfall ist. Die chronische Entzündung im Mund trägt zur chronischen Entzündung in den Blutgefäßen bei. Dieses Wissen transformiert die parodontale Behandlung von einem rein zahnärztlichen Eingriff zu einer medizinisch relevanten Maßnahme, die zur Reduktion des kardiovaskulären Gesamtrisikos eines Patienten beitragen kann.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Das moderne Verständnis der Atherosklerose Atherosklerose (“Arterienverkalkung”) ist keine simple “Verstopfung” der Gefäße, sondern eine chronische Entzündungskrankheit der Arterienwand. Sie wird initiiert durch eine Schädigung des Endothels (der innersten Gefäßschicht) und die anschließende Einlagerung von LDL-Cholesterin, was eine komplexe immun-inflammatorische Kaskade in Gang setzt, die zur Bildung von instabilen Plaques führt.
2. Biologische Verbindungswege zwischen Parodontitis und Atherosklerose
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Pfad 1: Direkte bakterielle Effekte
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Durch die parodontale Bakteriämie gelangen orale Pathogene wie Porphyromonas gingivalis (Pg) in den Blutkreislauf.
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Die DNA dieser Bakterien konnte direkt in atherosklerotischen Plaques in den Herzkranz- und Halsschlagadern nachgewiesen werden.
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Es wird postuliert, dass diese Bakterien die Endothelzellen direkt invadieren und eine lokale Entzündungsreaktion innerhalb der Gefäßwand fördern können, was die Plaquebildung beschleunigt.
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Pfad 2: Indirekte Entzündungseffekte (der wahrscheinlichere Hauptweg)
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Dies ist der bedeutendere Mechanismus. Die chronische parodontale Entzündung führt zu einer niedriggradigen systemischen Entzündung.
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Erhöhung systemischer Entzündungsmarker: Die “Entzündungs-Überflutung” aus der Mundhöhle (v.a. IL-6) stimuliert die Leber zur Produktion von C-reaktivem Protein (CRP). Ein erhöhter CRP-Spiegel ist ein starker, unabhängiger Risikoprädiktor für Herzinfarkt und Schlaganfall.
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Endothel-Dysfunktion: Zirkulierende Zytokine (TNF-α) und bakterielle Lipopolysaccharide (LPS) schädigen das Endothel im gesamten Körper. Sie machen es dysfunktional und “klebriger” für die Anlagerung von Monozyten und Lipiden – der erste Schritt der Atherogenese.
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Veränderter Lipidstoffwechsel: Die chronische Entzündung kann das Lipidprofil negativ beeinflussen (z.B. Senkung des protektiven HDL-Cholesterins, Oxidation des schädlichen LDL-Cholesterins).
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3. Epidemiologische Evidenz Großangelegte Kohortenstudien haben gezeigt, dass Patienten mit moderater bis schwerer Parodontitis ein um ca. 25-50% erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben, auch nach statistischer Kontrolle für gemeinsame Risikofaktoren wie Rauchen, Alter und Diabetes.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Der Zahnarzt als Teil des Präventionsteams: Die zahnärztliche Untersuchung, insbesondere die parodontale Befunderhebung, ist auch ein Screening für kardiovaskuläre Risikofaktoren. Ein Patient mit schwerer, unbehandelter Parodontitis trägt eine signifikante, aber modifizierbare entzündliche Last mit sich. Die routinemäßige Blutdruckmessung in der Zahnarztpraxis kann zudem zur Früherkennung einer unerkannten Hypertonie beitragen.
Patientenaufklärung als Motivationsinstrument: Die Aufklärung über den Zusammenhang zwischen Mund- und Herzgesundheit ist ein äußerst wirksames Instrument, um die Akzeptanz und Compliance für eine Parodontitis-Therapie zu erhöhen.
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Kommunikationsstrategie: “Die Behandlung Ihrer Zahnfleischerkrankung ist mehr als nur Zahnerhalt. Indem wir die chronische Entzündung in Ihrem Mund reduzieren, senken wir auch die Entzündungslast in Ihrem gesamten Körper und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Gesundheit Ihres Herz-Kreislauf-Systems.”
Fallbeispiel:
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Szenario: Ein 58-jähriger Patient, leichter Raucher, mit bekanntem Bluthochdruck, wird mit der Diagnose “General. Parodontitis, Stadium III, Grad B” konfrontiert. Er ist zögerlich bezüglich der empfohlenen, umfassenden Therapie.
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Analyse: Der Patient weist bereits mehrere klassische Risikofaktoren für einen Herzinfarkt auf (Alter, Rauchen, Hypertonie). Die schwere Parodontitis ist ein zusätzlicher, unabhängiger und vor allem behandelbarer Risikofaktor.
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Klinische Konsequenz & Gesprächsführung:
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Risikoprofil anerkennen: Der Zahnarzt würdigt die dem Patienten bereits bekannten Risikofaktoren.
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Verbindung herstellen: “Ich verstehe, dass dies eine aufwendige Behandlung ist. Es ist aber wichtig zu wissen, dass die chronische Entzündung, die wir hier in Ihrem Mund sehen, nicht lokal begrenzt bleibt. Die Entzündungsstoffe gelangen in Ihre Blutbahn und können die Prozesse der Arterienverkalkung, die zu Herzinfarkt führen, nachweislich beschleunigen. Die Behandlung Ihrer Parodontitis ist also ein aktiver Beitrag, den Sie für Ihre Herzgesundheit leisten können.”
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Interdisziplinäre Kooperation: Mit Einverständnis des Patienten wird ein kurzer Bericht an den behandelnden Hausarzt oder Kardiologen verfasst, der über den oralen Entzündungsstatus informiert.
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Ergebnis: Die Einordnung der Parodontitis in den Kontext der Allgemeingesundheit des Patienten hebt die wahrgenommene Wichtigkeit der Behandlung. Der Patient versteht, dass es nicht nur um seine Zähne, sondern um seine Lebenserwartung geht, was die Motivation zur Annahme der Therapie und zur Verbesserung der Mundhygiene entscheidend steigert.