Lektion 21: Regenerative Verfahren II – Die Anwendung von Schmelz-Matrix-Proteinen (Emdogain®)

A. Klinische Relevanz

 

Während die Gesteuerte Geweberegeneration (GTR) auf einem mechanischen Prinzip (Zell-Exklusion) beruht, verfolgt die Regeneration mit Schmelz-Matrix-Proteinen (SMPs) einen rein biologischen, biomimetischen Ansatz. Diese Technik zielt darauf ab, die natürlichen Prozesse der Zahnentwicklung nachzuahmen, um den Körper zur Neubildung des verlorengegangenen Zahnhalteapparates zu stimulieren. Für den Kliniker stellt die Anwendung von SMPs (bekanntestes Produkt: Emdogain®) eine oft technisch einfachere und biologisch elegantere Alternative oder Ergänzung zur GTR-Membrantechnik dar. Das Verständnis dieses Prinzips ist entscheidend für die Auswahl des optimalen regenerativen Verfahrens in spezifischen Defektsituationen.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Das biologische Prinzip: Biomimetik der Wurzelentwicklung

  • Natürlicher Prozess: Während der embryonalen Wurzelentwicklung produzieren die Zellen der Hertwig’schen Epithelscheide Schmelz-Matrix-Proteine (hauptsächlich Amelogenin). Diese Proteine lagern sich auf der frisch gebildeten Dentinoberfläche ab und fungieren als entscheidendes biologisches Signal. Sie induzieren die Differenzierung von undifferenzierten mesenchymalen Zellen zu Zementoblasten, welche die erste Schicht Wurzelzement bilden. Dieses azelluläre Zement ist die Voraussetzung für die Verankerung der Desmodontalfasern.

  • Die therapeutische Anwendung (Emdogain®):

    • Das Produkt ist ein Gel, das aus den Zahnknospen von Schweinen extrahiert wird und eine hochreine Mischung dieser embryonalen Schmelz-Matrix-Proteine enthält.

    • Wenn dieses Gel auf eine chirurgisch gereinigte und konditionierte Wurzeloberfläche aufgetragen wird, imitiert es den natürlichen Entwicklungsprozess.

    • Der Wirkmechanismus: Es wird postuliert, dass die aufgetragenen Proteine eine Kaskade von zellulären Ereignissen auslösen:

      1. Induktion der Zementogenese: Sie stimulieren die Differenzierung von Stammzellen aus dem Parodontalligament zu neuen Zementoblasten.

      2. Neubildung von Wurzelzement: Diese neuen Zementoblasten bilden eine neue Schicht azellulären Wurzelzements auf der ehemals pathologischen Wurzeloberfläche.

      3. Regeneration des Attachments: In dieses neue Zement können neue Kollagenfasern des Desmodonts einstrahlen, gefolgt von einer Regeneration des Alveolarknochens.

2. Indikationen Die Indikationen sind prinzipiell die gleichen wie für die GTR, da das Ziel (Regeneration) und die Notwendigkeit einer defekt-stabilisierenden Morphologie identisch sind.

  • Hauptindikationen:

    • Tiefe, enge 1-, 2- und 3-wandige vertikale (intraossäre) Knochendefekte.

    • Mandibuläre (Unterkiefer) Furkationsdefekte des Grades II.

  • Kombinationstherapie: SMPs werden oft in Kombination mit Knochenersatzmaterialien (um den Defekt zu stützen) und/oder GTR-Membranen (um den Raum zusätzlich zu sichern) verwendet.

3. Das chirurgische Vorgehen

  1. Lappendesign und Debridement: Bildung eines Mukoperiostlappens und sorgfältige Reinigung des Defekts und der Wurzeloberfläche.

  2. Wurzeloberflächen-Konditionierung (entscheidender Schritt): Die gereinigte Wurzeloberfläche wird für ca. 2 Minuten mit einem 24%igen EDTA-Gel konditioniert.

    • Rationale: Dies entfernt die Schmierschicht (Smear Layer) und demineralisiert die Oberfläche leicht, was die Kollagenfasern des Wurzeldentins freilegt und eine “biologisch empfängliche” Oberfläche für die Adsorption der Schmelz-Matrix-Proteine schafft. Anschließend wird das Gel gründlich abgespült.

  3. Applikation von Emdogain®: Das viskose Gel wird langsam von apikal nach koronal in den trockengelegten Defekt appliziert, bis die gesamte betroffene Wurzeloberfläche bedeckt ist.

  4. Wundverschluss: Der Lappen wird reponiert und sorgfältig zu einem spannungsfreien, primär dichten Wundverschluss vernäht. Die Stabilität der Wunde in der frühen Heilungsphase ist kritisch.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Vorteile gegenüber der reinen GTR-Membrantechnik:

  • Einfachere Handhabung: Die Applikation eines Gels ist technisch oft einfacher als das Zuschneiden, Anpassen und Fixieren einer Membran, die leicht verrutschen kann.

  • Geringere Komplikationsrate: Das Risiko einer Membran-Exposition mit nachfolgender Infektion entfällt. Die Wundheilung ist oft unkomplizierter.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Eine 42-jährige Patientin (Nichtraucherin, exzellente Mundhygiene) weist nach der AIT eine persistierende 8-mm-Tasche an Zahn 14 mesial auf. Das Röntgenbild zeigt einen tiefen, 3-wandigen intraossären Defekt.

  • Analyse: Die Situation stellt eine Idealindikation für eine regenerative Therapie dar. Die Defektmorphologie (gut umschlossen) und das Patientenprofil sind optimal. Der Behandler entscheidet sich für einen rein biologischen Stimulus.

  • Klinische Konsequenz & Vorgehen:

    1. Nach der Bildung eines papillenerhaltenden Lappens werden der Defekt und die Wurzeloberfläche akribisch gereinigt.

    2. Die mesiale Wurzeloberfläche wird mit EDTA-Gel konditioniert.

    3. Emdogain®-Gel wird auf die Wurzeloberfläche und in den Knochendefekt appliziert.

    4. Der Lappen wird repositioniert und mit mikrochirurgischen Nähten dicht verschlossen.

  • Erwartetes Ergebnis: Die Nachuntersuchung nach einem Jahr zeigt eine fast vollständige Regeneration. Die Sondierungstiefe ist auf 3 mm reduziert, es tritt keine Blutung mehr auf, und das Röntgenbild bestätigt eine beeindruckende knöcherne Auffüllung des ehemals tiefen Defekts. Die biomimetische Stimulation hat eine echte Regeneration des Zahnhalteapparates induziert.