Lektion 13: Schritt 1 – Die Hygienephase (Mundhygieneinstruktion, professionelle Zahnreinigung)

A. Klinische Relevanz

 

Die Hygienephase ist das Fundament der gesamten Parodontitis-Therapie und der wichtigste Prädiktor für den Langzeiterfolg. Sie ist weit mehr als nur eine “Vor-Reinigung”. Ihr primäres Ziel ist es, den Patienten zu befähigen und zu motivieren, eine exzellente tägliche Mundhygiene zu etablieren. Eine erfolgreiche Parodontitis-Therapie ist ohne die aktive und lebenslange Mitarbeit des Patienten unmöglich. Diese Phase dient außerdem dazu, die supragingivale Entzündung (Gingivitis) zu reduzieren, was die anschließende subgingivale Behandlung an einem weniger blutenden und strafferen Gewebe erleichtert. Ein Patient, der die Ziele der Hygienephase nicht erreicht, ist kein erfolgversprechender Kandidat für die weiteren, invasiveren Therapieschritte.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Ziele der Hygienephase

  • Patienten-Ebene: Aufklärung über die Ursache der Erkrankung, Motivation zur Verhaltensänderung, Instruktion und praktisches Training einer effektiven, individualisierten Mundhygienetechnik.

  • Klinische Ebene: Massive Reduktion des supragingivalen Biofilms und Zahnsteins. Dies führt zu:

    • Reduktion der gingivalen Entzündung (messbar durch Rückgang des BOP).

    • Reduktion von Pseudotaschen durch Abschwellung des ödematösen Gewebes.

    • Verbesserung der Gewebekonsistenz (von weich zu fest), was die spätere Sondierung und Instrumentierung präziser macht.

2. Die professionelle Zahnreinigung (PZR) in Schritt 1 In dieser Phase umfasst die PZR die vollständige Entfernung aller supragingivalen und in den gingivalen Sulkus reichenden harten (Zahnstein) und weichen (Biofilm) Beläge. Die Instrumentierung der tiefen subgingivalen Taschen ist nicht Teil dieses Schrittes.

3. Die Mundhygiene-Instruktion (MHI) – Der entscheidende Faktor Dies ist ein interaktiver Coaching-Prozess, kein Frontalvortrag.

  • a) Biofilm sichtbar machen: Die Anwendung von Färbelösungen oder -tabletten ist unverzichtbar. Sie machen den unsichtbaren Biofilm für den Patienten eindrücklich sichtbar und zeigen ihm seine individuellen Problemzonen.

  • b) Zahnbürstentechnik:

    • Problem: Die meisten Patienten “schrubben” horizontal, was ineffektiv und schädlich (abrasiv) ist.

    • Lösung: Instruktion einer systematischen, atraumatischen Technik. Der Goldstandard ist die modifizierte Bass-Technik:

      1. Zahnbürste (weich!) im 45°-Winkel am Zahnfleischrand ansetzen, sodass die Borsten leicht in den Sulkus ragen.

      2. Mit kleinen, sanften rüttelnden oder vibrierenden Bewegungen den Biofilm am Zahnfleischrand lösen.

      3. Die gelöste Plaque mit einer Auswischbewegung von “Rot nach Weiß” (vom Zahnfleisch zum Zahn) entfernen.

  • c) Interdentalraumreinigung – der Schlüsselbereich:

    • Aufklärung: Eine Zahnbürste reinigt nur ca. 60% der Zahnoberflächen. Die Approximalflächen werden nicht erreicht.

    • Interdentalbürsten (IDBs): Das Instrument der ersten Wahl für alle zugänglichen Zahnzwischenräume.

      • Größenauswahl: Entscheidend ist die korrekte Größe. Die Bürste muss den Zwischenraum raumfüllend ausfüllen und leichten Widerstand bieten, ohne dass der Draht die Zähne berührt. Oft sind mehrere Größen für ein Gebiss notwendig.

    • Zahnseide: Nur für sehr enge Zwischenräume, in die keine IDB passt (typischerweise UK-Front). Die korrekte “C-förmige” Umschlingungstechnik ist entscheidend.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Erfolgskontrolle durch Indizes: Der Erfolg der Hygienephase wird objektiv gemessen. Vor Beginn und am Ende der Phase werden Indizes erhoben.

  • Plaque-Index (z.B. Approximalraum-Plaque-Index, API): Der Prozentsatz der verfärbten Approximalflächen. Ziel ist ein Wert von < 25%.

  • Blutungs-Index (z.B. Papillen-Blutungs-Index, PBI, oder BOP): Sollte signifikant reduziert sein.

Die Hygienephase als “Gatekeeper”: Ein Patient, der nach mehreren Instruktions-Sitzungen die hygienischen Zielwerte (v.a. Plaque-Index < 25%) nicht erreicht, signalisiert eine mangelnde Compliance. In einem solchen Fall ist die Prognose für die aufwendige subgingivale Therapie schlecht. Die Hygienephase muss dann wiederholt und intensiviert werden, bevor die eigentliche PA-Therapie (Schritt 2) begonnen wird.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Ein 52-jähriger Patient mit generalisierter Parodontitis (Stage III, Grad B) startet die Therapie.

  • Vorgehen (Hygienephase über 2-3 Termine):

    1. Termin 1: Erhebung der Ausgangsindizes: API = 85%, BOP = 90%. Ausführliches Gespräch über die Rolle des Biofilms. Anfärben und Visualisierung. Instruktion der Bass-Technik und Auswahl der passenden IDB-Größen. Erste gründliche PZR.

    2. Termin 2 (10 Tage später): Re-Evaluation und Re-Motivation. Erneutes Anfärben. Der API ist auf 55% gesunken. Der Patient berichtet über Schwierigkeiten bei der Reinigung der Molaren. Die Technik wird dort korrigiert und erneut geübt.

    3. Termin 3 (weitere 10 Tage später): Finale Kontrolle der Hygienephase. Der API beträgt nun 22%. Der BOP ist auf 50% gesunken und die Gingiva ist sichtlich straffer und weniger gerötet.

  • Analyse: Der Patient hat bewiesen, dass er motiviert und fähig ist, den supragingivalen Biofilm effektiv zu kontrollieren. Die klinischen Entzündungszeichen sind bereits deutlich zurückgegangen.

  • Klinische Schlussfolgerung: Die Hygienephase war erfolgreich. Der Patient ist nun ein optimal vorbereiteter Partner für die folgende Therapie. Der Heil- und Kostenplan für die Anti-infektiöse Therapie (Schritt 2) kann nun bei der Krankenkasse eingereicht werden.