Lektion 10: Radiologische Diagnostik in der Parodontologie – Beurteilung des Knochenabbaus
A. Klinische Relevanz
Die radiologische Untersuchung ist ein unverzichtbarer Bestandteil der parodontalen Diagnostik. Während die klinische Sondierung die Weichgewebssituation (Taschentiefe) erfasst, ist das Röntgenbild das einzige Verfahren, das die Folgen der Erkrankung am Hartgewebe – den Verlust des Alveolarknochens – direkt visualisiert. Es dient der Bestätigung der Diagnose, der Bestimmung des Ausmaßes und des Musters des Knochenabbaus, der Beurteilung prognostischer Faktoren (z.B. Wurzeleinzelheiten, Furkationsbefall) und als juristisch relevanter Ausgangsbefund für die spätere Erfolgskontrolle der Therapie. Ohne eine adäquate radiologische Diagnostik ist eine Klassifikation, Prognosestellung und Therapieplanung bei Parodontitis nicht möglich.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Radiologische Techniken und ihre Wertigkeit
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Bissflügelaufnahme (Bitewing): Der Goldstandard zur Beurteilung der interdentalen Knochenhöhe im Seitenzahnbereich. Durch die annähernd parallele Ausrichtung von Zahn, Knochen und Sensor liefert sie die längen- und winkeltreueste Darstellung des Alveolarknochens in Relation zur Schmelz-Zement-Grenze (SZG).
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Zahnfilm in Paralleltechnik (Periapical): Notwendig zur Beurteilung des gesamten Knochenverlaufs um die Wurzel bis zum Apex und zur Diagnostik im Frontzahnbereich. Ein Parodontalstatus (Full-Mouth Series), bestehend aus mehreren Zahnfilmen und Bissflügelaufnahmen, ist die Grundlage für eine umfassende parodontale Behandlungsplanung.
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Panoramaschichtaufnahme (OPG): Dient lediglich als Übersichtsaufnahme. Aufgrund von Überlagerungen, Verzerrungen und geringerer Auflösung ist sie für eine präzise parodontale Diagnostik ungeeignet.
2. Die radiologische Interpretation
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Das gesunde Parodont:
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Der Alveolarknochenkamm (Limbus alveolaris) ist scharf begrenzt und kortikalisiert. Er erscheint als durchgehende weiße Linie, die Lamina dura.
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Die Knochenhöhe liegt physiologischerweise 1-2 mm apikal der Schmelz-Zement-Grenze.
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Die Parodontitis:
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Das erste radiologische Zeichen ist der Verlust der Kontinuität und Kortikalisierung der Lamina dura am interdentalen Knochenkamm.
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Das Hauptmerkmal ist die Vergrößerung des Abstandes zwischen SZG und Knochenkamm auf mehr als 2-3 mm.
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3. Muster des Knochenabbaus
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Horizontaler Knochenabbau: Die häufigste Form. Der Knochen wird generalisiert auf einem niedrigeren Niveau abgebaut, der Knochenkamm verläuft aber weiterhin annähernd parallel zu einer gedachten Verbindungslinie der Schmelz-Zement-Grenzen benachbarter Zähne.
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Vertikaler (angulärer) Knochenabbau: Ein lokalisierter, keil- oder kraterförmiger Einbruch des Knochens entlang einer einzelnen Wurzeloberfläche. Der Knochenverlauf ist schräg zur Zahnachse. Diese Defekte haben oft eine höhere prognostische Bedeutung und erfordern spezifische therapeutische Ansätze (z.B. regenerative Chirurgie).
4. Radiologische Beurteilung zusätzlicher Befunde
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Furkationsbefall: Frühe Stadien sind oft nicht sichtbar. Bei fortgeschrittenem Befall zeigt sich eine charakteristische dreieckige Aufhellung im Furkationsbereich.
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Wurzelmorphologie: Die Länge und Form der Wurzeln (kurz/konisch vs. lang/divergierend) sind entscheidende prognostische Faktoren.
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Lokale Reizfaktoren: Subgingivaler Zahnstein, überstehende Füllungs- oder Kronenränder sind oft im Röntgenbild als Ursache für lokale Defekte zu identifizieren.
5. Limitationen der 2D-Röntgendiagnostik
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Summationsbild: Ein 2D-Bild ist nur ein Schatten. Die dicken bukkalen und lingualen Knochenlamellen können einen Knochendefekt überlagern und maskieren. Insbesondere bukkale Defekte sind oft nicht sichtbar.
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Keine Weichgewebsinformation: Das Bild zeigt nicht, ob eine Tasche vorhanden ist oder ob die Gingiva blutet.
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Unterschätzung des Abbaus: Radiologisch wird das Ausmaß des Knochenabbaus tendenziell eher unterschätzt.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Synthese von klinischem und radiologischem Befund: Die finale Diagnose entsteht immer aus der Kombination beider Befunde. Eine klinisch gemessene 7-mm-Tasche wird durch das Röntgenbild bestätigt, das einen Knochenabbau von z.B. 5 mm zeigt. Das Röntgenbild liefert die Information über den bereits entstandenen Schaden, die klinische Untersuchung (v.a. BOP) die Information über die aktuelle Entzündungsaktivität.
Fallbeispiel:
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Szenario: Bei einem 48-jährigen Patienten wird eine systematische parodontale Befunderhebung durchgeführt. Klinisch werden generalisiert tiefe Taschen und starkes Bluten festgestellt.
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Radiologischer Befund: Es wird ein Parodontalstatus angefertigt. Die Auswertung ergibt:
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Einen generalisierten horizontalen Knochenabbau auf ca. 50% der Wurzellänge.
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An den Zähnen 36 und 46 zusätzlich tiefe, kraterförmige vertikale Einbrüche an den mesialen Wurzeln.
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An Zahn 46 ist eine deutliche radioluzente Aufhellung in der Furkation sichtbar.
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Analyse:
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Die Röntgenbilder bestätigen die klinische Verdachtsdiagnose einer schweren, generalisierten Parodontitis (Stadium III).
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Die vertikalen Defekte an den Molaren stellen eine besondere therapeutische Herausforderung dar, bieten aber potenziell eine Chance für regenerative Maßnahmen.
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Der Furkationsbefall an 46 verschlechtert dessen Einzelzahnprognose erheblich.
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Klinische Schlussfolgerung: Die radiologische Diagnostik hat die klinischen Befunde nicht nur bestätigt, sondern entscheidend differenziert. Sie hat das Muster des Abbaus aufgezeigt (horizontal vs. vertikal), prognostisch kritische Stellen (Furkation) identifiziert und liefert dem Patienten eine eindrückliche Visualisierung seiner Erkrankung. Auf Basis dieser kombinierten Befunde kann nun ein detaillierter, zahnbezogener Therapieplan erstellt werden.