Lektion 8: Die systematische parodontale Befunderhebung I – Sondierungstiefen, Attachmentlevel, Blutung auf Sondieren (BOP)

A. Klinische Relevanz

 

Nachdem ein Screening (PSI) die Notwendigkeit einer detaillierten Untersuchung angezeigt hat, folgt die systematische parodontale Befunderhebung. Dies ist der eigentliche diagnostische Kernprozess in der Parodontologie. Er erzeugt die “harten Daten”, die für die exakte Klassifikation nach Staging und Grading, die detaillierte Behandlungsplanung und die spätere Erfolgskontrolle unerlässlich sind. Das präzise Messen und korrekte Interpretieren der drei fundamentalen Parameter – Sondierungstiefe, Attachmentlevel und Blutung auf Sondieren – ist eine klinische Grundfertigkeit. Diese Lektion erklärt, was diese Parameter wirklich bedeuten und wie sie zusammen ein umfassendes Bild vom Zustand und der Zerstörung des Zahnhalteapparates zeichnen.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Das Instrumentarium und die Messtechnik

  • Die Parodontalsonde: Eine kalibrierte Sonde mit Millimeter-Einteilung (z.B. UNC-15 oder Williams-Sonde). Sie hat eine dünne, abgerundete Spitze, um das Gewebe nicht zu verletzen.

  • Messtechnik: Die Sonde wird mit einem standardisierten, leichten Druck von ca. 20-25 g (entspricht dem Druck, der den Fingernagel leicht weiß werden lässt) parallel zur Zahnachse vorsichtig in den Sulkus/die Tasche eingeführt, bis ein sanfter Widerstand am Taschenboden spürbar ist.

2. Die drei essenziellen Messparameter

  • a) Sondierungstiefe (ST) / Probing Pocket Depth (PPD)

    • Definition: Die Distanz vom gingivalen Saum (Zahnfleischrand) bis zum Boden der Tasche.

    • Durchführung: Die Messung wird zirkulär am Zahn entlanggeführt (“walking probe”), und es werden typischerweise 6 Messpunkte pro Zahn dokumentiert (mesiobukkal, bukkal, distobukkal; mesiopalatinal, palatinal, distopalatinal).

    • Interpretation:

      • Gesundheit: 1-3 mm (physiologischer Sulkus).

      • Pathologisch: ≥ 4 mm (parodontale Tasche).

    • Limitation: Die Sondierungstiefe allein ist nicht aussagekräftig für den Schweregrad der Erkrankung, da sie durch Schwellungen der Gingiva (Pseudotasche) vergrößert oder durch Rezessionen verkleinert sein kann.

  • b) Klinischer Attachmentlevel (CAL) / Clinical Attachment Level

    • Definition: Die Distanz von der Schmelz-Zement-Grenze (SZG) bis zum Boden der Tasche.

    • Bedeutung: Dies ist der wichtigste und aussagekräftigste Parameter zur Bestimmung des parodontalen Abbaus. Er misst den kumulativen, irreversiblen Verlust des Zahnhalteapparates und ist, im Gegensatz zur Sondierungstiefe, unabhängig von Entzündungs- (Schwellung) oder Schrumpfungsprozessen (Rezession) der Gingiva.

    • Berechnung:

      • Fall 1: Gingivarand liegt koronal der SZG (Normalfall oder Pseudotasche): CAL = Sondierungstiefe (ST) – Distanz (SZG zum Gingivarand)

      • Fall 2: Gingivarand liegt apikal der SZG (Rezession ist sichtbar): CAL = Sondierungstiefe (ST) + Rezession [Distanz (SZG zum Gingivarand)]

  • c) Blutung auf Sondieren (BOP) / Bleeding on Probing

    • Definition: Das Auftreten einer Blutung innerhalb von 15-30 Sekunden nach der Sondierung am Taschenboden. Wird als Ja/Nein-Befund (dichotom) erfasst.

    • Bedeutung: BOP ist der objektivste klinische Parameter zur Beurteilung der aktuellen Entzündungsaktivität. Eine positive BOP zeigt eine Ulzeration des Taschenepithels und eine bestehende Entzündung an.

    • Prognostische Aussagekraft:

      • BOP positiv (+): Entzündung ist aktiv. An dieser Stelle besteht ein Risiko für zukünftigen Attachmentverlust.

      • BOP negativ (-): Keine signifikante Entzündung. Die Abwesenheit von BOP ist ein sehr starker Prädiktor für parodontale Stabilität.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die Synthese der Parameter Erst die Kombination der drei Parameter ergibt ein klares Bild:

  • ST sagt uns, wie tief die Tasche heute ist.

  • CAL sagt uns, wie viel historischer Schaden bereits entstanden ist.

  • BOP sagt uns, ob die Tasche momentan aktiv entzündet ist und weiter an Attachment verlieren könnte.

Differenzialdiagnose: Echte Tasche vs. Pseudotasche

  • Fall A: Sondierungstiefe = 5 mm. Der Gingivarand liegt 2 mm koronal der SZG. Der CAL beträgt 5 – 2 = 3 mm. -> Diagnose: Pseudotasche bei Gingivitis.

  • Fall B: Sondierungstiefe = 5 mm. Der Gingivarand liegt exakt auf der SZG. Der CAL beträgt 5 – 0 = 5 mm. -> Diagnose: Echte Tasche bei Parodontitis.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Bei einer Patientin wird an Zahn 16 palatinal-mesial ein Befund erhoben. Die Sonde dringt 7 mm tief ein.

  • Diagnostischer Prozess:

    1. ST: Die Sondierungstiefe beträgt 7 mm. Dies ist ein tiefer Wert.

    2. BOP: Nach dem Entfernen der Sonde tritt eine deutliche Blutung auf. -> BOP ist positiv (+). Die Tasche ist aktiv entzündet.

    3. CAL-Messung: Der Kliniker lokalisiert die Schmelz-Zement-Grenze. Sie liegt 3 mm unterhalb (= apikal) des aktuellen Zahnfleischrandes. Es liegt also eine Rezession von 3 mm vor.

    4. CAL-Berechnung: Da eine Rezession vorliegt, wird addiert: CAL = ST (7 mm) + Rezession (3 mm) = 10 mm.

  • Klinische Schlussfolgerung: Dies ist ein extrem fortgeschrittener parodontaler Schaden. Die alleinige Angabe der Sondierungstiefe von 7 mm hätte das wahre Ausmaß des Attachmentverlusts von 10 mm massiv unterschätzt. Die Diagnose lautet: Tiefe, aktive Tasche mit schwerem Attachmentverlust. Basierend auf diesen Werten kann der Zahn nun exakt nach der neuen Klassifikation (Staging/Grading) eingeordnet und ein entsprechender Therapieplan erstellt werden.