Lektion 19: Medikamentöse Einlagen – Kalziumhydroxid, Ledermix und Dontisolon

A. Klinische Relevanz

 

Während die einzeitige Wurzelkanalbehandlung heute für viele Fälle der Standard ist, gibt es zahlreiche klinische Situationen (z.B. stark infizierte Zähne, Exsudation, Notfallbehandlungen), die ein mehrzeitiges Vorgehen erfordern. Die medikamentöse Einlage ist die aktive Therapie, die zwischen den Behandlungssitzungen stattfindet. Sie dient der weiterführenden Desinfektion, der Prävention von Reinfektionen und dem Management von Schmerzen und Entzündungen. Die rationale, indikationsgerechte Auswahl des richtigen Medikaments – ob rein desinfizierend oder primär entzündungshemmend – ist entscheidend für den Behandlungserfolg und das Wohlbefinden des Patienten.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Ziele einer medikamentösen Einlage

  • Maximierung der Desinfektion: Reduktion der Bakterienlast, insbesondere in den Dentintubuli und anatomischen Nischen, die während der chemo-mechanischen Aufbereitung nicht vollständig eliminiert wurden.

  • Prävention der Rekontamination: Schafft eine physikalische und chemische Barriere gegen das Eindringen von Bakterien durch eine eventuell undichte provisorische Füllung.

  • Entzündungs- und Schmerzkontrolle: Reduktion von pulpalen oder periapikalen Entzündungsreaktionen.

  • Inaktivierung von Endotoxinen: Neutralisation bakterieller Lipopolysaccharide (LPS).

2. Kalziumhydroxid [Ca(OH)₂] – Der desinfizierende Goldstandard

  • Wirkmechanismus: Kalziumhydroxid ist eine starke Base. In wässriger Umgebung dissoziiert es langsam in Kalzium- (Ca²⁺) und Hydroxyl-Ionen (OH⁻). Die hohe Konzentration an OH⁻-Ionen erzeugt ein stark alkalisches Milieu mit einem pH-Wert von ca. 12,5.

  • Biologische Effekte:

    • Starke antimikrobielle Wirkung: Der extrem hohe pH-Wert ist für die meisten endodontischen Pathogene letal, da er die Zytoplasmamembran und bakterielle Enzyme zerstört.

    • Denaturierung von Endotoxinen: Der hohe pH-Wert hydrolysiert die Lipid-A-Komponente von Lipopolysacchariden (LPS), den Haupt-Toxinen gramnegativer Bakterien, und inaktiviert sie dadurch.

    • Gewebeauflösend: Es kann verbliebene organische Gewebereste auflösen (weniger effektiv als NaOCl).

  • Anwendung und Verweildauer: Als wässrige Paste, die in den Kanal eingebracht wird. Eine effektive Wirkung benötigt eine Verweildauer von mindestens 1-4 Wochen.

  • Indikation: Die Standardeinlage zur Desinfektion bei nekrotischen, infizierten Zähnen, insbesondere bei Revisionsfällen und Zähnen mit apikaler Parodontitis, bei denen das primäre Ziel die maximale Keimreduktion ist.

3. Kortikosteroid-Antibiotikum-Präparate – Das entzündungshemmende Management Diese Kombinationspräparate zielen primär auf die schnelle Kontrolle von Schmerz und Entzündung ab.

  • Zusammensetzung (Beispiele):

    • Ledermix® Paste:

      • Kortikosteroid: Triamcinolonacetonid (ein potentes Glukokortikoid).

      • Antibiotikum: Demeclocyclin (ein Tetracyclin-Antibiotikum).

    • Dontisolon® (in DE nicht mehr als Einlage, Prinzip bleibt relevant):

      • Kortikosteroid: Prednisolon.

      • Antibiotikum: Neomycin.

  • Wirkmechanismus:

    • Kortikosteroid (Hauptwirkung): Die primäre Funktion ist die starke anti-inflammatorische Wirkung. Es hemmt die Freisetzung von Entzündungsmediatoren (Prostaglandine, Leukotriene), reduziert die Kapillarpermeabilität und damit das Ödem. Dies führt zu einer schnellen und effektiven Schmerzlinderung.

    • Antibiotikum (Nebenwirkung): Die Breitband-Antibiotika sollen die lokale bakterielle Last reduzieren. Ihre Anwendung wird aufgrund der globalen Resistenzproblematik kontrovers diskutiert, ist aber in der versiegelten Umgebung des Kanals klinisch etabliert.

  • Indikation:

    • Hauptindikation: Notfallmanagement zur Schmerzkontrolle bei symptomatischer irreversibler Pulpitis (“heißer Zahn”) oder symptomatischer apikaler Parodontitis.

    • Management von dentalen Traumata zur Reduktion entzündlich bedingter Resorptionen.

4. Die klinische Entscheidung: Desinfektion vs. Entzündungshemmung

Klinische Situation Primäres Behandlungsziel Medikament der Wahl
Nekrotischer Zahn, asymptomatisch (z.B. chron. apik. Parodontitis) Maximale Desinfektion Kalziumhydroxid
Vitaler Zahn, akute, starke Schmerzen (Sympt. irreversible Pulpitis) Schnelle Schmerzkontrolle & Entzündungshemmung Ledermix®
Nekrotischer Zahn, akute, starke Schmerzen (Sympt. apik. Parodontitis) Schnelle Schmerzkontrolle & Entzündungshemmung Ledermix®

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Wichtige klinische Hinweise:

  • Entfernung der Einlage: Vor der definitiven Wurzelfüllung muss die medikamentöse Einlage restlos entfernt werden, da sie das Abbinden des Sealers stören kann. Dies geschieht durch Re-Instrumentierung und intensive Spülung, idealerweise ultraschallaktiviert.

  • Dichter Verschluss: Jede medikamentöse Einlage ist nur so gut wie der provisorische Verschluss darüber. Eine dichte temporäre Füllung (z.B. Cavit™, GIZ) ist zwingend erforderlich, um eine Rekontamination aus der Mundhöhle zu verhindern.

Fallbeispiel: Der Notfall am Freitagabend

  • Szenario: Ein Patient kommt mit extremen, pochenden Schmerzen an Zahn 46. Die Diagnose lautet: Symptomatische irreversible Pulpitis. Eine vollständige Aufbereitung ist aus Zeitgründen nicht möglich. Eine Notfallbehandlung zur Schmerzbeseitigung ist indiziert.

  • Analyse: Das vordringlichste Ziel ist es, dem Patienten schnell und zuverlässig seine starken Schmerzen zu nehmen. Eine rein desinfizierende Maßnahme wäre hier nicht ausreichend.

  • Klinische Konsequenz & Vorgehen:

    1. Nach Anästhesie und Trepanation wird die Kronenpulpa entfernt (Pulpotomie), um den Druck zu entlasten.

    2. Eine kleine Menge Ledermix®-Paste wird auf einem Wattepellet in die Pulpakammer eingebracht, um das potente Kortikosteroid direkt an das entzündete Wurzelpulpagewebe zu bringen.

    3. Die Kavität wird mit einem dichten Provisorium verschlossen.

  • Ergebnis: Das Kortikosteroid unterdrückt die Entzündungsreaktion sehr effektiv und führt in der Regel innerhalb weniger Stunden zu einer deutlichen oder vollständigen Schmerzbefreiung. Der Patient ist über das Wochenende versorgt. In der nächsten Sitzung kann die vollständige chemo-mechanische Aufbereitung an einem “beruhigten” Zahn stattfinden. Der Einsatz von Kalziumhydroxid wäre in dieser Akutsituation zur Schmerzlinderung die deutlich unterlegene Wahl gewesen.