Lektion 18: Präkanzerosen – Aktinische Keratose und Morbus Bowen

A. Klinische Relevanz

 

Präkanzerosen sind “Krebsvorstufen”. Es handelt sich um histologisch nachweisbare, abnorme Zellveränderungen (Dysplasien), die ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines invasiven Karzinoms in sich tragen. In der Dermatologie ist die häufigste Präkanzerose die aktinische Keratose, eine direkte Folge chronischer Sonnenschädigung. Die Erkennung dieser oft unscheinbaren, aber extrem häufigen Läsionen im Kopf-Hals-Bereich ist eine der wichtigsten Aufgaben der zahnärztlichen Krebsvorsorge. Die Behandlung einer Präkanzerose ist eine echte Prävention – sie verhindert, dass ein bösartiger Tumor überhaupt erst entsteht.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Das Konzept: Das Carcinoma in situ

  • Definition: Eine Präkanzerose ist ein Carcinoma in situ. Das bedeutet, die Zellen innerhalb des Epithels weisen bereits alle Merkmale der Bösartigkeit auf, aber die Läsion ist streng auf das Epithel beschränkt und hat die Basalmembran noch nicht durchbrochen.

  • Biologisches Verhalten: Da die Basalmembran intakt ist, hat die Läsion keinen Zugang zu Blut- oder Lymphgefäßen. Sie ist daher per definitionem nicht-invasiv und kann nicht metastasieren. Unbehandelt besteht jedoch das Risiko der Progression zu einem invasiven Karzinom.

2. Die Aktinische Keratose (AK) / Solare Keratose

  • Definition: Die häufigste Präkanzerose der Haut, verursacht durch chronische UV-Exposition.

  • Klinik:

    • Tastbefund (entscheidend): Die Läsion ist oft besser zu fühlen als zu sehen. Die Oberfläche fühlt sich rau an wie “Schleifpapier”.

    • Inspektion: Meist kleine, hautfarbene, rötliche oder bräunliche Flecken (Makulae) oder Knötchen (Papeln) mit einer fest haftenden, trockenen Schuppe.

    • Lokalisation: Typische “Sonnenterrassen” des Körpers: Stirn, unbehaarte Kopfhaut, Nasenrücken, Ohren, Handrücken.

  • Aktinische Cheilitis: Die Manifestation einer AK am Lippenrot, meist der stärker exponierten Unterlippe. Die Lippe wirkt trocken, schuppig, die Grenze zwischen Lippenrot und Haut verstreicht. Diese Form hat ein höheres und schnelleres Progressionsrisiko zu einem invasiven Karzinom.

  • “Feldkanzerisierung”: Das Auftreten multipler AKs in einem Hautareal. Dies zeigt eine großflächige chronische Schädigung an und erhöht das Gesamtrisiko für die Entstehung eines Karzinoms in diesem Feld.

3. Der Morbus Bowen

  • Definition: Eine weitere, seltenere Form des Plattenepithelkarzinoms in situ.

  • Klinik: Zeigt sich als einzelne, scharf begrenzte, leicht erhabene, rötlich-schuppende Plaque, die oft fälschlicherweise für ein Ekzem oder eine Psoriasis-Läsion gehalten wird. Wächst sehr langsam über Jahre.

  • Prognose: Hat ein höheres Progressionsrisiko zu einem invasiven SCC als eine einzelne aktinische Keratose.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die Rolle des Zahnarztes: Der Tastbefund Die extraorale Untersuchung sollte nicht nur eine Inspektion, sondern auch eine sanfte Palpation der Gesichtshaut beinhalten. Raue, schmirgelpapierartige Stellen, die der Patient oft als “trockene Haut” abtut, sind hochverdächtig.

Therapie (durch den Dermatologen): Die Behandlung zielt auf die Zerstörung der dysplastischen Zellen ab.

  • Einzelne Läsionen: Meist mittels Kryotherapie (Vereisung mit flüssigem Stickstoff).

  • Feldkanzerisierung: Behandlung des gesamten Areals mit topischen Cremes (z.B. 5-Fluorouracil, Imiquimod) oder mittels photodynamischer Therapie (PDT).

Fallbeispiel:

  • Szenario: Bei der Untersuchung eines 70-jährigen, hellhäutigen Patienten, der gerne segelt, streicht der Zahnarzt über die Stirn des Patienten und bemerkt mehrere kleine, raue Areale.

  • Klinischer Befund: Visuell sind an den Stellen nur leichte Rötungen zu sehen. Der Tastbefund ist jedoch eindeutig: die Haut fühlt sich an mehreren Stellen an wie feines Sandpapier.

  • Analyse: Die Anamnese (hohe kumulative UV-Dosis), der Hauttyp und der pathognomonische Tastbefund sind klassisch für multiple aktinische Keratosen im Sinne einer Feldkanzerisierung.

  • Klinische Konsequenz:

    1. Aufklärung: Der Zahnarzt erklärt dem Patienten den Befund: “Mir sind auf Ihrer Stirn einige raue Stellen aufgefallen. Das sind typische Veränderungen durch die Sonne über viele Jahre, die man als ‘aktinische Keratosen’ bezeichnet. Das sind Krebsvorstufen, die aber in diesem Stadium sehr gut und einfach behandelbar sind.”

    2. Überweisung: “Es ist wichtig, dass ein Hautarzt diese behandelt, damit sie sich nicht zu einem echten Hautkrebs weiterentwickeln. Ich gebe Ihnen eine Überweisung.”

  • Ergebnis: Der Zahnarzt hat durch eine einfache, aber aufmerksame Tastuntersuchung eine Präkanzerose erkannt. Die eingeleitete dermatologische Behandlung ist eine effektive Krebsprävention und verhindert die Notwendigkeit einer zukünftigen, möglicherweise größeren Operation.