Lektion 15: Dermatomykosen (Pilzinfektionen der Haut)
A. Klinische Relevanz
Pilzinfektionen der Haut (Dermatomykosen) sind extrem häufig. Während die orale Candidose (ein Hefepilz) die wichtigste Mykose der Schleimhaut ist, werden die Hautinfektionen primär von Dermatophyten (Fadenpilzen) verursacht. Für den Zahnarzt ist die Kenntnis dieser Erkrankungen relevant, da sie sich im Gesicht manifestieren können und von anderen, plaque-artigen oder schuppenden Läsionen unterschieden werden müssen. Insbesondere die Cheilitis angularis (Mundwinkelrhagaden) ist ein klassisches interdisziplinäres Problem an der Grenze zwischen Dermatologie und Zahnheilkunde, dessen erfolgreiche Behandlung ein Verständnis der multifaktoriellen, oft pilz-assoziierten Ursache erfordert.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Die Erreger: Dermatophyten
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Definition: Eine Gruppe von Fadenpilzen, die die Fähigkeit besitzen, Keratin abzubauen.
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Konsequenz: Ihre Infektion ist auf die keratinisierten Strukturen der Haut, Haare und Nägel beschränkt. Sie befallen in der Regel nicht die lebende Schleimhaut.
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Nomenklatur: Die Erkrankung wird als Tinea bezeichnet, gefolgt von der betroffenen Körperregion (z.B. Tinea corporis = Körper, Tinea pedis = Fuß).
2. Tinea faciei / Tinea barbae (Pilzinfektion im Gesicht)
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Tinea faciei: Infektion der unbehaarten Gesichtshaut.
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Tinea barbae: Infektion der Barthaare bei Männern (kann einer bakteriellen Follikulitis ähneln).
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Klinisches Bild: Das charakteristische Erscheinungsbild ist eine ringförmige, schuppende Läsion mit einem scharf begrenzten, erhabenen, roten, oft stärker entzündeten Rand und einer zentralen Abheilung. Die Läsionen jucken typischerweise.
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Diagnostik: Mikroskopischer Nachweis der Pilzfäden in einem Hautschuppen-Präparat (Nativpräparat mit KOH).
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Therapie: Topische Antimykotika (Cremes mit z.B. Clotrimazol, Terbinafin).
3. Die Cheilitis angularis (Perlèche, Mundwinkelrhagaden)
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Definition: Eine entzündliche Erkrankung der Mundwinkel.
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Klinik: Rötung (Erythem), Mazeration (Aufweichung), Schuppung, Krustenbildung und schmerzhafte Einrisse (Rhagaden) in den Mundwinkeln.
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Multifaktorielle Ätiologie: Es handelt sich fast immer um eine intertriginöse Dermatitis (Entzündung in einer Hautfalte) mit einer opportunistischen Superinfektion.
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Der prädisponierende Faktor: Feuchtigkeit. In der tiefen Mundwinkelfalte sammelt sich ständig Speichel an.
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Die Hauptursache für die Faltenbildung: Eine Reduktion der vertikalen Bisshöhe. Dies ist typisch bei älteren, zahnlosen Patienten mit stark atrophiertem Kiefer oder bei Patienten mit stark abgenutzten Prothesen.
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Die Superinfektion: In diesem feuchten Milieu siedeln sich fast immer Pilze (v.a. Candida albicans) und/oder Bakterien (v.a. Staphylokokken) an.
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Therapie: Muss multikausal ansetzen.
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Antimikrobielle Therapie: Applikation einer Kombinations-Creme, die sowohl ein Antimykotikum (gegen Pilze) als auch oft ein mildes Kortikosteroid (gegen die Entzündung) und manchmal ein Antibiotikum enthält.
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Beseitigung der Ursache (entscheidend für den Langzeiterfolg): Die Wiederherstellung der korrekten vertikalen Bisshöhe durch eine neue oder unterfütterte Prothese, um die tiefe Hautfalte zu eliminieren.
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Differenzialdiagnose: Eine ringförmige Läsion im Gesicht (Tinea faciei) kann mit anderen ringförmigen Dermatosen (z.B. nummuläres Ekzem, Psoriasis) verwechselt werden. Die scharfe Begrenzung, die Schuppung und der randbetonte Charakter sind jedoch oft wegweisend.
Fallbeispiel: Die therapieresistenten Mundwinkel
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Szenario: Ein 80-jähriger Totalprothesen-Träger klagt über seit Monaten bestehende, schmerzhafte, nicht heilende Mundwinkel. Er hat vom Hautarzt bereits mehrere Cremes erhalten, die immer nur kurzfristig geholfen haben.
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Zahnärztliche Untersuchung: Der Zahnarzt stellt fest, dass die alten Totalprothesen stark abgenutzt sind. Der Patient hat eine massive Biss-Senkung; im zusammengebissenen Zustand sind seine Lippen tief eingefallen und die Mundwinkel bilden tiefe, feuchte Falten.
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Analyse: Die rein dermatologische, symptomatische Behandlung mit Cremes muss scheitern, weil die zahnmedizinische Ursache – die tiefe Hautfalte durch die abgesunkene Bisshöhe – nicht beseitigt wird. Die Falte ist ein permanentes Reservoir für Feuchtigkeit und Mikroorganismen.
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Klinische Konsequenz & interdisziplinärer Ansatz:
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Aufklärung: Dem Patienten wird erklärt, dass die Ursache seiner Mundwinkelprobleme in seinen alten Prothesen liegt, die sein “Gesicht nicht mehr richtig stützen”.
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Prothetische Therapie: Der Zahnarzt führt eine Neuanfertigung der Totalprothesen mit korrekter Wiederherstellung der vertikalen Dimension durch.
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Dermatologische Therapie: Gleichzeitig wird die lokale Entzündung in den Mundwinkeln mit einer antimykotischen/antiinflammatorischen Creme behandelt, um die akute Infektion zu beseitigen.
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Ergebnis: Mit der neuen Prothese wird das Weichgewebe im Mundwinkelbereich wieder gestrafft. Die tiefe Hautfalte verschwindet. Damit wird dem Infektionsprozess der “Nährboden” entzogen. Die Mundwinkel heilen nun dauerhaft ab. Der Fall demonstriert klassisch, wie ein primär dermatologisches Problem eine zahnärztlich-prothetische Ursache haben kann und nur interdisziplinär lösbar ist.