Lektion 14: Bakterielle Hautinfektionen (Impetigo, Erysipel) im Kopf-Hals-Bereich
A. Klinische Relevanz
Bakterielle Hautinfektionen im Gesichtsbereich sind häufig und erfordern eine klare diagnostische Abgrenzung zu odontogenen (vom Zahn ausgehenden) Infektionen. Die Impetigo contagiosa ist eine der häufigsten Hautinfektionen bei Kindern, deren charakteristische periorale Läsionen oft in der zahnärztlichen Praxis vorgestellt werden. Das Erysipel ist eine ernste, akute Infektion, die einer Schwellung dentalen Ursprungs ähneln kann, aber eine völlig andere, dringende medizinische Behandlung erfordert. Die Fähigkeit, diese primär dermatologischen Krankheitsbilder zu erkennen, ist entscheidend, um Fehldiagnosen und ineffektive zahnärztliche Therapien zu vermeiden.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Impetigo contagiosa (Borkenflechte, Grindflechte)
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Definition: Eine hoch ansteckende, oberflächliche Infektion der Haut.
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Haupterreger: Staphylococcus aureus, seltener Streptococcus pyogenes.
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Klinik:
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Zielgruppe: Fast ausschließlich Kinder.
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Lokalisation: Typischerweise perioral (um Mund und Nase) und an den Händen.
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Erscheinungsbild: Beginnt mit kleinen roten Flecken oder Bläschen, die schnell platzen. Das austretende Sekret trocknet zu den pathognomonischen, honiggelben Krusten. Die Läsionen jucken, und durch Kratzen kommt es zur Selbst-Inokulation und schnellen Ausbreitung.
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Therapie: Bei lokalisiertem Befund topische Antibiotika (z.B. Fusidinsäure). Bei ausgedehntem Befall sind systemische Antibiotika erforderlich.
2. Das Erysipel (Wundrose)
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Definition: Eine akute, sich schnell ausbreitende, bakterielle Infektion der Dermis und der Lymphwege.
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Haupterreger: Fast immer β-hämolysierende Streptokokken der Gruppe A.
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Pathogenese: Die Bakterien dringen über eine minimale Verletzung der Hautbarriere (kleiner Kratzer, Insektenstich, Pilzinfektion) ein.
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Klinik:
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Systemische Symptome: Plötzlicher Beginn mit hohem Fieber, Schüttelfrost und schwerem Krankheitsgefühl.
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Lokale Symptome: Ein scharf begrenztes, leuchtend rotes, überwärmtes, bretthartes und schmerzhaftes Ödem. Die Ränder sind oft zackig und erhaben (“flammenförmige Ausläufer”). Im Gesicht kann es die Form eines Schmetterlings annehmen.
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Therapie: Dies ist eine ernste Infektion, die eine sofortige systemische Antibiotikatherapie, meist mit Penicillin, erfordert, oft initial intravenös.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Differenzialdiagnose: Odontogene Phlegmone vs. Erysipel Beide können eine harte, schmerzhafte Gesichtsschwellung verursachen.
Fallbeispiel:
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Szenario: Die Mutter eines 6-jährigen Jungen stellt ihn mit seit drei Tagen bestehenden “wunden Stellen um den Mund” vor.
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Klinischer Befund: Perioral und um die Nasenlöcher finden sich multiple, unregelmäßige Erosionen, die von dicken, honiggelben Krusten bedeckt sind. Der Junge ist fieberfrei. Die intraorale Untersuchung ist unauffällig.
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Analyse: Das Alter des Patienten und die charakteristischen honiggelben Krusten sind klassische, lehrbuchmäßige Zeichen für eine Impetigo contagiosa. Eine Herpes-Infektion würde mit Bläschen beginnen und typischerweise dunklere Krusten bilden.
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Klinische Konsequenz:
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Diagnose: Impetigo contagiosa.
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Aufklärung: Die Eltern werden über die hohe Ansteckungsgefahr aufgeklärt und zu strikten Hygienemaßnahmen (eigene Handtücher etc.) angehalten. Das Kind darf Gemeinschaftseinrichtungen (Kindergarten) erst nach Abheilung bzw. 24h nach Beginn einer systemischen Antibiose wieder besuchen.
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Therapie/Überweisung: Der Zahnarzt überweist das Kind an den Kinderarzt oder Hautarzt zur Verordnung einer topischen oder systemischen antibiotischen Therapie.
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Ergebnis: Die korrekte Diagnose einer primär dermatologischen Erkrankung verhindert eine zahnärztliche Fehldiagnose und leitet die adäquate medizinische Behandlung ein.