Lektion 8: Orale Manifestationen viraler Infektionen (Herpes, Varizella Zoster, HPV, Hand-Fuß-Mund-Krankheit)

A. Klinische Relevanz

 

Virale Infektionen gehören zu den häufigsten Ursachen für akute, schmerzhafte Läsionen der Mundschleimhaut. Ihre klinische Präsentation, insbesondere das Auftreten von Bläschen (Vesikeln), ist oft ein Schlüssel zur Diagnose. Die Fähigkeit, die verschiedenen viralen Krankheitsbilder untereinander und von nicht-viralen ulzerierenden Läsionen (wie Aphthen) zu unterscheiden, ist eine diagnostische Kernkompetenz. Während die meisten dieser Erkrankungen selbstlimitierend sind, erfordern einige (wie Herpes Zoster) eine dringende medizinische Intervention, und andere (HPV) haben ein onkogenes Potenzial, das eine langfristige Beobachtung erfordert.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Herpes-Simplex-Viren (HSV-1)

  • Primärinfektion (Gingivostomatitis herpetica): Tritt meist bei Kleinkindern auf. Nach einer fieberhaften Prodromalphase kommt es zur Eruption von multiplen, schmerzhaften Vesikeln in der gesamten Mundhöhle, die schnell zu Ulzera konfluieren. Eine ausgeprägte, feuerrote Gingivitis ist typisch.

  • Rezidivierender Herpes: Nach der Primärinfektion persistiert das Virus latent.

    • Herpes labialis (“Lippenherpes”): Reaktivierung am Lippenrot.

    • Intraoraler Herpes: Reaktivierung fast ausschließlich auf keratinisierter, festsitzender Schleimhaut (harter Gaumen, befestigte Gingiva). Zeigt sich als Gruppe kleiner Vesikel, die schnell platzen und ein Cluster kleiner Ulzera bilden.

2. Varizella-Zoster-Virus (VZV)

  • Primärinfektion (Varizellen / Windpocken): Orale Läsionen (kleine Ulzera) sind häufig, werden aber oft vom generalisierten Hautausschlag überdeckt.

  • Reaktivierung (Herpes Zoster / Gürtelrose):

    • Mechanismus: Reaktivierung des latenten Virus in einem sensorischen Ganglion.

    • Klinik: Das entscheidende Merkmal ist die strikt einseitige (unilaterale) Ausbreitung der schmerzhaften Vesikel entlang des Versorgungsgebiets (Dermatom) eines einzelnen Nerven. Im Gesicht ist dies meist ein Ast des N. trigeminus. Die Läsionen stoppen abrupt und messerscharf an der Mittellinie.

3. Coxsackie-Viren

  • Hand-Fuß-Mund-Krankheit: Eine hoch ansteckende, aber harmlose Kinderkrankheit.

    • Klinik: Milde Allgemeinsymptome, gefolgt von:

      1. Oralen Läsionen: Multiple kleine Ulzera, v.a. am Gaumen und der Wangenschleimhaut.

      2. Hautausschlag: Charakteristische rote Flecken und Vesikel an den Handflächen und Fußsohlen.

4. Humane Papillomviren (HPV)

  • Klinik: Verursachen gutartige, warzenartige Wucherungen (Papillome).

    • Plattenepithelpapillom: Die häufigste Form. Ein einzelner, gestielter, blumenkohlartiger, meist weißlicher Knoten.

  • Onkogenes Potenzial: Während die meisten oralen Papillome durch Niedrigrisiko-HPV-Typen verursacht werden, sind Hochrisiko-Typen (v.a. HPV-16) die Hauptursache für Oropharynxkarzinome (Rachenmandeln, Zungengrund).

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die entscheidende Differenzialdiagnose: Aphthe vs. Intraoraler Herpes Dies ist eine häufige klinische Fragestellung.

Merkmal Rezidivierende Aphthe Rezidivierender Intraoraler Herpes
Lokalisation Nicht-keratinisierte Mukosa (Wange, Lippen-Innenseite) Keratinisierte Mukosa (harter Gaumen, befestigte Gingiva)
Primärläsion Beginnt als Ulcus Beginnt als Gruppe von Vesikeln
Anzahl Meist 1-3 einzelne Läsionen Meist ein Cluster aus vielen kleinen, konfluierenden Läsionen

Fallbeispiel: Der Herpes Zoster

  • Szenario: Ein 65-jähriger Patient berichtet über seit zwei Tagen bestehende, einseitige, brennende Schmerzen und einen “Ausschlag” auf seiner rechten Gaumenseite.

  • Klinischer Befund: Die Untersuchung zeigt eine Ansammlung von multiplen Vesikeln und Erosionen, die die gesamte rechte Hälfte des harten Gaumens bedecken, aber exakt an der Mittellinie aufhören.

  • Analyse: Das streng einseitige Verteilungsmuster, das einem Nervenast (hier dem N. palatinus major aus dem N. maxillaris V₂) folgt, ist pathognomonisch für einen Herpes Zoster.

  • Klinische Konsequenz:

    1. Diagnose: Dringender Verdacht auf Herpes Zoster.

    2. Überweisung & Therapie: Dies ist mehr als eine lokale Schleimhauterkrankung. Der Patient muss umgehend an einen Allgemein- oder Hautarzt überwiesen werden. Eine frühzeitige systemische antivirale Therapie (z.B. mit Valaciclovir) ist entscheidend, um die Schwere des Ausbruchs zu begrenzen und das Risiko der gefürchteten Post-Zoster-Neuralgie (chronische Nervenschmerzen) zu senken.

  • Ergebnis: Die Fähigkeit des Zahnarztes, das eindeutige Verteilungsmuster zu erkennen, war der Schlüssel zur Einleitung der korrekten, dringenden medizinischen Behandlung.