Lektion 13: Persönliche Schutzausrüstung (PSA) und sichere Arbeitstechniken

A. Klinische Relevanz

 

Die Persönliche Schutzausrüstung (PSA) ist die physische Barriere zwischen dem zahnärztlichen Team und den potenziell infektiösen Mikroorganismen, die bei einer Behandlung freigesetzt werden. Sie schützt vor direktem Kontakt mit Blut und Speichel sowie vor infektiösen Aerosolen und Spritzern. Genauso wichtig wie die PSA selbst sind sichere Arbeitstechniken, die das häufigste und gefährlichste Unfallrisiko in der Zahnmedizin – die Stich- und Schnittverletzung – minimieren. Die konsequente und korrekte Anwendung von PSA und sicheren Techniken ist kein Ausdruck von übertriebener Vorsicht, sondern die professionelle und rechtlich geforderte Umsetzung des Grundsatzes “Eigenschutz geht vor”.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Die Komponenten der Basisschutz-PSA Gemäß den “Standard Precautions” wird davon ausgegangen, dass jeder Patient potenziell infektiös ist. Daher ist bei jeder Behandlung eine Basisausstattung erforderlich.

  • a) Schutzhandschuhe:

    • Zweck: Schützen die Hände vor Kontamination und den Patienten vor den Keimen der Hände des Behandlers.

    • Material: Nitril- oder Vinylhandschuhe. Latex wird aufgrund des hohen Allergierisikos zunehmend vermieden.

    • Regeln: Handschuhe sind patientenbezogene Einmalartikel. Sie müssen nach jedem Patienten gewechselt werden. Werden sie beschädigt, müssen sie sofort gewechselt werden.

  • b) Mund-Nasen-Schutz (MNS) / Atemschutzmaske:

    • Zweck: Schutz der Schleimhäute von Mund und Nase vor Spritzern und größeren Tröpfchen.

    • Typen:

      • Medizinischer Mund-Nasen-Schutz (OP-Maske): Der Standard für die meisten Behandlungen. Bietet primär Spritzschutz.

      • FFP2-Maske: Bietet zusätzlich Schutz vor dem Einatmen von feinen Aerosolen und ist daher bei stark aerosolbildenden Tätigkeiten (z.B. Ultraschall-Zahnsteinentfernung, Präparation) zu bevorzugen.

  • c) Augenschutz (Schutzbrille mit Seitenschutz / Visier):

    • Zweck: Obligatorisch! Schützt die Augen vor infektiösen Spritzern und mechanischen Verletzungen durch umherfliegende Partikel.

  • d) Schutzkleidung (Praxiskleidung):

    • Dient dem Schutz der Privatkleidung vor Kontamination. Muss bei sichtbarer Verschmutzung sofort gewechselt werden.

2. Sichere Arbeitstechniken zur Vermeidung von Stichverletzungen Stich- und Schnittverletzungen sind die häufigste Ursache für die berufsbedingte Übertragung von HBV, HCV und HIV.

  • Das “Recapping” von Kanülen (Wiederaufsetzen der Schutzkappe):

    • Absolutes Verbot: Das beidhändige Wiederaufsetzen der Kappe, bei dem man die Kappe in der einen und die Spritze in der anderen Hand hält. Dies ist die häufigste Ursache für Nadelstichverletzungen.

    • Korrekte, sichere Technik: Die Ein-Hand-“Scoop”-Technik. Die Kappe wird auf die Ablage gelegt. Mit der die Spritze haltenden Hand wird die Kanüle “aufgefischt” und in die Kappe eingeführt, ohne dass die andere Hand in die Nähe der Kanülenspitze kommt.

  • Entsorgung spitzer/scharfer Gegenstände (“Sharps”):

    • Alle spitzen und scharfen Instrumente (Kanülen, Skalpellklingen, gebrochene Bohrer) müssen sofort am Behandlungsplatz in einem dafür vorgesehenen, durchstichsicheren und fest verschließbaren Abwurfbehälter entsorgt werden.

  • Instrumenten-Transport: Benutzte, kontaminierte Instrumente werden in einer geschlossenen, stichsicheren Wanne in den Aufbereitungsraum transportiert, niemals lose in der Hand.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die korrekte Reihenfolge beim An- und Ablegen der PSA:

  • Anlegen (“Donning”): Von “sauber zu unsauber”. 1. Kittel, 2. MNS/Maske, 3. Schutzbrille, 4. Händedesinfektion, 5. Handschuhe.

  • Ablegen (“Doffing”): Von “unsauber zu sauber”, um eine Selbstkontamination zu vermeiden.

    1. Handschuhe (werden auf links ausgezogen).

    2. Schutzbrille/Visier (nur an den Bügeln anfassen).

    3. Kittel.

    4. MNS/Maske (nur an den Bändern anfassen).

    5. Finale, gründliche Händedesinfektion.

Fallbeispiel: Aerosol-produzierender Eingriff

  • Szenario: Ein Zahnarzt führt eine Präparation für eine Krone mit einer hochtourigen Turbine und starker Wasserkühlung durch.

  • Analyse: Dies ist ein Eingriff mit maximaler Aerosol- und Spritzerzeugung. Es ist von einer Kontamination der Luft und aller Oberflächen im Raum auszugehen.

  • Korrekte PSA:

    • Behandler: FFP2-Maske, Schutzbrille mit Seitenschutz oder Visier, Handschuhe, Schutzkittel.

    • Assistenz: Ebenfalls MNS, Brille und Handschuhe, da sie sich im Aerosol-Radius befindet.

  • Fehlerhaftes Vorgehen: Der Zahnarzt trägt nur einen einfachen MNS und keine Schutzbrille.

  • Konsequenz des Fehlers: Die Augen des Behandlers sind ungeschützt den mit Blut und Speichel kontaminierten Spritzern ausgesetzt, was ein hohes Risiko für eine Konjunktivitis oder die Übertragung von systemischen Krankheiten darstellt. Das feine Aerosol wird von dem einfachen MNS nur unzureichend gefiltert.

  • Ergebnis: Die tätigkeitsbezogene Risikoanalyse führt zur Auswahl der adäquaten Schutzausrüstung, die den Behandler und das Team wirksam vor den spezifischen Gefahren des Eingriffs schützt.