Lektion 12: Händehygiene – Die wichtigste Einzelmaßnahme der Infektionsprävention
A. Klinische Relevanz
Die Hände des zahnärztlichen Teams sind das primäre Vehikel zur Übertragung von Mikroorganismen – von Patient zu Patient, von kontaminierten Oberflächen zum Patienten oder vom Patienten zum Behandler. Die Händehygiene ist daher die mit Abstand wichtigste, einfachste und effektivste Einzelmaßnahme zur Unterbrechung von Infektionsketten in der Zahnarztpraxis. Ihre korrekte und lückenlose Durchführung ist nicht nur eine gesetzliche Forderung, sondern das Fundament der Patientensicherheit und des Eigenschutzes. Eine vernachlässigte Händehygiene macht selbst die aufwendigste Instrumentensterilisation zunichte.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Die mikrobielle Flora der Hände
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Residente Flora: Die normale, “gute” Hautflora, die tief in den Hautschichten lebt. Sie ist in der Regel nicht krankheitserregend.
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Transiente Flora: Mikroorganismen, die wir durch den Kontakt mit Patienten oder Oberflächen “aufsammeln”. Diese Flora enthält die potenziell pathogenen Erreger. Sie lässt sich durch korrekte Händehygiene sehr effektiv eliminieren. Das Ziel der Händehygiene ist die Beseitigung der transienten Flora.
2. Die Verfahren der Händehygiene
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a) Händewaschen:
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Zweck: Mechanische Entfernung von sichtbarem Schmutz und organischem Material.
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Wann: Bei Arbeitsbeginn/-ende, nach Toilettenbenutzung, bei sichtbarer Verschmutzung.
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Wichtig: Das Händewaschen ist kein Ersatz für die Händedesinfektion bei der Patientenbehandlung, da es nicht alle transienten Keime sicher entfernt.
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b) Hygienische Händedesinfektion:
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Zweck: Schnelle und sichere Reduktion der transienten Flora. Dies ist die Standardmaßnahme vor, während und nach der Patientenbehandlung.
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Wann? Die “5 Momente der Händehygiene” (adaptiert nach WHO):
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VOR dem Patientenkontakt.
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VOR einer aseptischen Tätigkeit (z.B. vor dem Anlegen von Handschuhen für eine Injektion).
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NACH Kontakt mit potenziell infektiösem Material (z.B. nach Ablegen kontaminierter Instrumente).
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NACH dem Patientenkontakt.
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NACH Kontakt mit Oberflächen in der unmittelbaren Patientenumgebung.
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Wie? Das Standard-Einreibeverfahren (EN 1500):
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Eine ausreichende Menge alkoholisches Händedesinfektionsmittel (ca. 3 ml) in die trockenen Hände geben.
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Die Hände für 30 Sekunden nach einem standardisierten Schema einreiben, bis alle Hautareale (inkl. Fingerzwischenräume, Daumen, Fingerkuppen, Handgelenke) vollständig benetzt sind.
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c) Chirurgische Händedesinfektion:
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Zweck: Reduktion der transienten und der residenten Flora vor chirurgischen Eingriffen.
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Vorgehen: Eine verlängerte Prozedur (ca. 1,5 – 3 Minuten) mit Waschung und anschließender, mehrfacher Einreibung von Händen und Unterarmen.
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Der häufigste Fehler: Handschuhe ersetzen nicht die Händehygiene! Das Tragen von Handschuhen ist eine essenzielle Schutzmaßnahme, aber es ersetzt niemals die Notwendigkeit der Händedesinfektion.
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Grundsatz: Eine hygienische Händedesinfektion erfolgt vor dem Anziehen von unsterilen Untersuchungshandschuhen und unmittelbar nach dem Ausziehen.
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Rationale: Handschuhe können unsichtbare Mikroperforationen aufweisen. Beim Ausziehen kann es zur Kontamination der Hände kommen. Das Anziehen neuer Handschuhe mit kontaminierten Händen führt zur Kontamination der Handschuh-Außenseite.
Fallbeispiel: Der Handschuhwechsel zwischen Patienten
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Szenario: Ein Zahnarzt hat die Behandlung von Patient A beendet, zieht die kontaminierten Handschuhe aus und will für Patient B neue Handschuhe anziehen.
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Fehlerhaftes Vorgehen: Der Zahnarzt zieht die alten Handschuhe aus und direkt danach ein neues Paar an.
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Analyse: Die Hände des Zahnarztes sind potenziell beim Ausziehen der alten Handschuhe kontaminiert worden. Mit diesen kontaminierten Händen fasst er in die saubere Handschuhbox und kontaminiert die Außenseite der neuen Handschuhe beim Anziehen. Er trägt nun die Keime von Patient A an seinen “sauberen” Handschuhen und überträgt sie potenziell auf Patient B.
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Korrekte Vorgehensweise (nach den “5 Momenten”):
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Behandlung von Patient A beenden.
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Handschuhe ausziehen.
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Hygienische Händedesinfektion durchführen (30 Sekunden).
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Patient B begrüßen.
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Erneut hygienische Händedesinfektion durchführen (oder sicherstellen, dass seit der letzten Desinfektion kein anderer Kontakt stattgefunden hat).
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Neue Handschuhe anziehen.
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Ergebnis: Die Infektionskette ist durch die korrekte Händedesinfektion zwischen den Handschuhwechseln sicher unterbrochen.