Lektion 3: Bakterien II – Gram-Färbung, Pathogenitätsfaktoren und die Wirkung von Antibiotika

A. Klinische Relevanz

 

Nicht alle Bakterien sind gleich gefährlich. Die Pathogenität – die Fähigkeit, eine Krankheit zu verursachen – hängt von der Ausstattung eines Bakteriums mit spezifischen “Waffen”, den sogenannten Virulenz- oder Pathogenitätsfaktoren, ab. Die Gram-Färbung ist die grundlegendste mikrobiologische Technik, um Bakterien in zwei große Gruppen einzuteilen, die sich fundamental in ihrem Zellwandaufbau und ihrer Pathogenität unterscheiden. Diese Unterscheidung ist klinisch hochrelevant, da sie oft die Wahl des richtigen Antibiotikums leitet. Das Verständnis dieser Konzepte erklärt, warum gramnegative Bakterien oft problematischer sind und wie Antibiotika gezielt in die lebenswichtigen Prozesse der Bakterienzelle eingreifen.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Die Gram-Färbung: Eine fundamentale Unterscheidung

    • Prinzip: Eine differenzierende Färbetechnik, die Bakterien aufgrund des unterschiedlichen Aufbaus ihrer Zellwand anfärbt.

    • Gram-positive Bakterien:

      • Zellwand: Besitzen eine dicke, vielschichtige Peptidoglykan- (Murein-) Schicht.

      • Färbung: Das Farbstoff-Jod-Komplex wird in dieser dicken Schicht eingeschlossen und kann durch Alkohol nicht ausgewaschen werden. Die Bakterien bleiben blau-violett.

      • Dentale Relevanz: Assoziiert mit der Initiation von Karies (Streptococcus mutans) und der initialen Plaque-Bildung.

    • Gram-negative Bakterien:

      • Zellwand: Besitzen nur eine sehr dünne Peptidoglykan-Schicht.

      • Besonderheit: Sie besitzen zusätzlich eine äußere Membran, die aus Lipopolysacchariden (LPS) besteht.

      • Färbung: Der Farbstoff wird durch Alkohol aus der dünnen Peptidoglykan-Schicht ausgewaschen. Nach der Gegenfärbung erscheinen die Bakterien rot.

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* **Dentale Relevanz:** Dominieren in der **chronischen Parodontitis** (*Porphyromonas, Tannerella*) und sind für deren destruktiven Charakter mitverantwortlich.

2. Pathogenitäts- und Virulenzfaktoren Dies sind die “Waffen” der Bakterien, die ihnen ermöglichen, den Wirt zu schädigen.

  • Adhäsine: Oberflächenmoleküle (z.B. Fimbrien), die es dem Bakterium ermöglichen, sich an Wirtszellen oder andere Bakterien anzuheften (Grundlage der Biofilm-Bildung).

  • Enzyme:

    • Kollagenasen, Proteasen (z.B. Gingipaine von P. gingivalis): Bauen das Bindegewebe des Parodonts ab.

    • Hyaluronidase: Löst die Kittsubstanz zwischen den Wirtszellen auf und erhöht die Gewebe-Invasivität (“spreading factor”).

  • Toxine (Gifte):

    • Endotoxine (Lipopolysaccharid, LPS): Der entscheidende Faktor bei gramnegativen Bakterien. LPS ist ein fester Bestandteil ihrer äußeren Membran und wird beim Zerfall der Bakterien freigesetzt. Es ist ein extrem potenter Stimulator des Immunsystems und der Hauptauslöser für die destruktive Entzündungskaskade bei der Parodontitis.

    • Exotoxine: Aktiv von Bakterien ausgeschiedene Giftstoffe (z.B. das Leukotoxin von A. actinomycetemcomitans, das gezielt Abwehrzellen tötet).

3. Angriffspunkte für Antibiotika Antibiotika nutzen die biochemischen Unterschiede zwischen prokaryotischen (bakteriellen) und eukaryotischen (menschlichen) Zellen, um die Bakterien selektiv zu schädigen.

  • 1. Hemmung der Zellwandsynthese:

    • Wirkstoffgruppe: β-Lactam-Antibiotika (Penicilline, Cephalosporine).

    • Mechanismus: Blockieren die Enzyme, die für die Quervernetzung des Peptidoglykans (Murein) notwendig sind. Die Zellwand wird instabil, und die Zelle platzt. Da menschliche Zellen keine Peptidoglykan-Zellwand haben, ist dieser Angriffspunkt hochselektiv.

  • 2. Hemmung der Proteinsynthese:

    • Wirkstoffgruppen: Makrolide, Tetracycline, Clindamycin.

    • Mechanismus: Binden an die bakteriellen Ribosomen (die eine andere Struktur haben als menschliche Ribosomen) und blockieren die Produktion lebenswichtiger Proteine. Wirkt meist bakteriostatisch.

  • 3. Hemmung der Nukleinsäuresynthese:

    • Wirkstoffgruppen: Metronidazol, Fluorchinolone.

    • Mechanismus: Stören die DNA-Replikation oder -Reparatur. Wirkt meist bakterizid.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die Gram-Färbung als Wegweiser: Die Kenntnis der Gram-Färbung der Hauptpathogene hilft bei der Antibiotika-Wahl.

  • Frühe, akute odontogene Infektion: Oft dominiert von grampositiven Kokken. -> Penicillin V ist ideal.

  • Etablierte, chronische Parodontitis: Dominiert von gramnegativen Anaerobiern. -> Metronidazol (in Kombination) ist hier besonders wirksam.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Ein Patient mit einer schweren, aggressiven Parodontitis. Der mikrobiologische Test zeigt hohe Konzentrationen von Porphyromonas gingivalis und Tannerella forsythia.

  • Analyse:

    • Mikrobiologie: Beide Keime sind gramnegative, obligat anaerobe Stäbchen.

    • Pathogenität: Ihre Pathogenität beruht auf der massiven Freisetzung von Endotoxin (LPS) und gewebezerstörenden Enzymen. Das LPS triggert die destruktive Wirtsantwort, die zum Knochenabbau führt.

  • Klinische Konsequenz:

    • Mechanische Therapie: Das primäre Ziel der Therapie ist die mechanische Zerstörung dieses gramnegativen Biofilms und die Entfernung des LPS von der Wurzeloberfläche (Scaling and Root Planing).

    • Adjuvante Pharmakotherapie: Aufgrund der hohen pathogenen Last wird eine adjuvante systemische Antibiose mit Amoxicillin + Metronidazol erwogen. Das Metronidazol ist hierbei der entscheidende Partner, da es hochwirksam gegen die nachgewiesenen gramnegativen Anaerobier ist.

  • Ergebnis: Das Wissen um die spezifische Mikrobiologie (gramnegative Anaerobier) und deren Pathogenitätsmechanismen (LPS) erklärt die klinische Symptomatik und leitet direkt eine rationale, kombinierte Therapieentscheidung.