Lektion 9: Odontogene Tumoren (z.B. Ameloblastom, Odontom)

A. Klinische Relevanz

 

Odontogene Tumoren sind eine heterogene Gruppe von Neoplasien, die von den epithelialen und/oder mesenchymalen Geweben ausgehen, die an der Zahnentwicklung beteiligt sind. Sie treten daher fast ausschließlich in den Kieferknochen auf. Ihr Spektrum reicht von harmlosen, hamartomartigen Fehlbildungen (Odontom) bis hin zu gutartigen, aber lokal extrem aggressiven und destruktiven Tumoren (Ameloblastom). Obwohl sie im Vergleich zu Zysten selten sind, ist ihre frühzeitige radiologische Erkennung und korrekte differenzialdiagnostische Einordnung entscheidend, da sich ihre Therapie und Prognose dramatisch unterscheiden.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Das Odontom

  • Definition: Der häufigste odontogene Tumor. Es wird nicht als echte Neoplasie, sondern als Hamartom (eine tumorartige, aber gut differenzierte und desorganisierte Gewebefehlbildung) angesehen. Es besteht aus allen Geweben eines normalen Zahnes (Schmelz, Dentin, Zement, Pulpagewebe).

  • Klassifikation:

    • Komplexes Odontom (Complex Type): Eine unorganisierte, irreguläre Masse aus Zahnhartsubstanzen ohne Ähnlichkeit mit einem Zahn. Typischerweise im posterioren Unterkiefer.

    • Zusammengesetztes Odontom (Compound Type): Besteht aus einer Ansammlung von multiplen, kleinen, zahnähnlichen Gebilden (“Dentikeln”). Typischerweise im anterioren Oberkiefer.

  • Klinik & Radiologie: Meist asymptomatisch und oft als Zufallsbefund entdeckt, wenn ein bleibender Zahn nicht durchbricht. Radiologisch erscheint es als scharf begrenzte, stark röntgenopake (helle) Masse, die von einem dünnen radioluzenten Saum umgeben ist.

  • Therapie & Prognose: Einfache chirurgische Ausschälung (Enukleation). Die Prognose ist exzellent, Rezidive sind extrem selten.

2. Das Ameloblastom

  • Definition: Der klinisch bedeutsamste odontogene Tumor. Es ist eine benigne, aber lokal hochaggressive und infiltrative Neoplasie, die vom odontogenen Epithel ausgeht.

  • Klinik: Wächst langsam, aber persistent und oft unbemerkt. Führt zu einer massiven, schmerzlosen Auftreibung des Kieferknochens. Kann Zähne verlagern und deren Wurzeln resorbieren. Die mit Abstand häufigste Lokalisation ist der posteriore Unterkiefer (Kieferwinkel- und Ramusbereich).

  • Radiologisches Bild: Das klassische Bild ist eine große, mehrkammerige (multilokuläre), scharf begrenzte Aufhellung, die als “seifenblasenartig” oder “honigwabenartig” beschrieben wird. Auch einkammerige Varianten, die einer Zyste ähneln, sind möglich.

  • Therapie & Prognose:

    • Hohe Rezidivrate: Aufgrund seines infiltrativen Wachstums in die Knochenbälkchen führt eine einfache Ausschälung (wie bei einer Zyste) zu einer inakzeptabel hohen Rezidivrate.

    • Therapie der Wahl: Eine aggressive chirurgische Resektion. Dies bedeutet die Entfernung des Tumors mit einem Sicherheitsabstand von 1-2 cm im gesunden Knochen. Je nach Ausdehnung kann dies eine Teilresektion des Kiefers erfordern.

    • Prognose: Das Ameloblastom metastasiert so gut wie nie, die Lebensprognose ist also exzellent. Die lokale Morbidität durch die radikale Chirurgie und das hohe Rezidivrisiko bei unvollständiger Entfernung sind jedoch die Hauptprobleme.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die entscheidende Rolle der Histopathologie: Jede aus dem Kiefer entfernte Gewebemasse muss zur histopathologischen Untersuchung eingeschickt werden. Die radiologische Diagnose ist immer nur eine Verdachtsdiagnose. Die definitive Diagnose und damit die Therapieentscheidung stellt der Pathologe.

Fallbeispiel 1: Das Odontom als Durchbruchshindernis

  • Szenario: Bei einem 12-jährigen Kind ist der obere rechte Eckzahn (13) noch nicht durchgebrochen.

  • Radiologischer Befund: Eine Übersichtsaufnahme (OPG) zeigt den retinierten Zahn 13. Über seiner Krone liegt eine scharf begrenzte, röntgenopake Struktur, die aus vielen kleinen, zahnähnlichen Gebilden zu bestehen scheint.

  • Analyse: Dies ist der pathognomonische Befund für ein zusammengesetztes Odontom, das den Durchbruch mechanisch blockiert.

  • Therapie: Chirurgische Entfernung des Odontoms. Oft bricht der Eckzahn danach spontan durch.

Fallbeispiel 2: Das Ameloblastom als Zufallsbefund

  • Szenario: Ein 45-jähriger Patient kommt zur Routinekontrolle. Das OPG zeigt eine große, mehrkammerige, seifenblasenartige Aufhellung im linken Kieferwinkel, von der der Patient nichts wusste.

  • Analyse: Dieser radiologische Befund ist hochverdächtig auf ein Ameloblastom.

  • Klinische Konsequenz:

    1. Überweisung: Der Patient wird umgehend an einen Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen überwiesen.

    2. Biopsie: Dort wird eine Probebiopsie zur histologischen Sicherung der Diagnose entnommen.

    3. Therapie: Nach der Bestätigung wird eine Kieferteilresektion geplant, um den Tumor radikal zu entfernen und ein Rezidiv zu verhindern. Die Rekonstruktion des Kieferdefekts erfolgt oft mit einem Knochentransplantat aus dem Becken oder Wadenbein.

  • Schlussfolgerung: Der Fall zeigt, wie wichtig Routine-Röntgenaufnahmen sind, um solche aggressiven, aber oft stummen Läsionen frühzeitig zu entdecken. Die korrekte radiologische Verdachtsdiagnose durch den Hauszahnarzt ist der erste und entscheidende Schritt für die erfolgreiche Behandlung.