Lektion 7: Charakteristika maligner Tumoren (Invasion, Metastasierung) und das TNM-System

A. Klinische Relevanz

 

Die wahre Gefahr eines bösartigen Tumors (Krebs) liegt nicht allein in seinem lokalen Wachstum, sondern in seiner Fähigkeit, in umliegende Strukturen einzudringen (Invasion) und sich im gesamten Körper auszubreiten (Metastasierung). Die Metastasierung ist die Hauptursache für die Mortalität bei Krebserkrankungen. Um die Schwere einer Krebserkrankung zu beschreiben, ihre Prognose abzuschätzen und die Therapie zu planen, verwenden Onkologen weltweit eine einheitliche Sprache: das TNM-System. Für den Zahnarzt, der oft der Erstdiagnostiker von Mundhöhlenkarzinomen ist, ist das Grundverständnis dieses Systems essenziell, um Arztbriefe zu verstehen, die Situation des Patienten einzuordnen und kompetent im interdisziplinären Team zu kommunizieren.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Lokale Invasion

  • Mechanismus: Maligne Tumorzellen erlangen die Fähigkeit, anatomische Barrieren zu überwinden.

    1. Verlust der Zelladhäsion: Tumorzellen verlieren den Kontakt zueinander.

    2. Abbau der extrazellulären Matrix: Sie produzieren Enzyme (z.B. Matrix-Metalloproteinasen, MMPs), die die Basalmembran und das umliegende Bindegewebe auflösen.

    3. Erhöhte Motilität: Die Tumorzellen können sich aktiv in das geschaffene “Loch” hineinbewegen.

  • Klinische Konsequenz: Dieses infiltrative Wachstum ist der Grund, warum maligne Tumoren klinisch hart, unverschieblich und mit dem Untergrund “verbacken” erscheinen. Es ist auch der Grund, warum ein Chirurg den Tumor mit einem großen Sicherheitsabstand im gesunden Gewebe entfernen muss.

2. Metastasierung (Fernabsiedlung)

  • Definition: Die Ausbreitung von Tumorzellen an einen Ort, der keine direkte anatomische Verbindung zum Primärtumor hat. Die Fähigkeit zur Metastasierung ist das definitive Kennzeichen der Malignität.

  • Die Metastasierungs-Kaskade: Ein mehrstufiger Prozess:

    1. Invasion in ein Blut- oder Lymphgefäß (Intravasation).

    2. Transport im Kreislauf.

    3. Anheftung an die Gefäßwand an einem entfernten Ort.

    4. Austritt aus dem Gefäß (Extravasation) und Bildung einer neuen Kolonie (Metastase).

  • Die Ausbreitungswege:

    • Lymphogen (über Lymphbahnen): Der typische erste Ausbreitungsweg für Karzinome, einschließlich des oralen Plattenepithelkarzinoms. Die ersten Metastasen finden sich in den regionalen Lymphknoten (z.B. am Hals).

    • Hämatogen (über Blutbahnen): Der typische Weg für Sarkome, aber auch für Karzinome im Spätstadium. Häufige Zielorgane sind Lunge, Leber, Knochen und Gehirn.

3. Das TNM-System: Die universelle Sprache der Onkologie Das TNM-System ist die international standardisierte Klassifikation zur Beschreibung der anatomischen Ausbreitung eines Tumors zum Zeitpunkt der Diagnose.

  • T = Primärtumor: Beschreibt die Größe und lokale Ausdehnung des Ursprungstumors.

    • T1: Kleiner Tumor (< 2 cm).

    • T2: Mittelgroßer Tumor (2-4 cm).

    • T3: Großer Tumor (> 4 cm).

    • T4: Sehr großer Tumor, der bereits in Nachbarstrukturen wie Knochen oder Haut einwächst.

  • N = Nodus (Lymphknoten): Beschreibt den Befall der regionalen Lymphknoten.

    • N0: Keine Lymphknotenmetastasen nachweisbar.

    • N1, N2, N3: Zunehmender Befall (Anzahl, Größe, Seite der befallenen Lymphknoten).

  • M = Fernmetastasen: Beschreibt das Vorhandensein von Tochtergeschwülsten in entfernten Organen.

    • M0: Keine Fernmetastasen nachweisbar.

    • M1: Fernmetastasen sind vorhanden.

Stadiengruppierung: Aus der T-, N- und M-Kombination wird ein Gesamt-Tumorstadium (Stage I bis IV) abgeleitet. Ein Stadium I bezeichnet einen kleinen, lokal begrenzten Tumor mit sehr guter Prognose. Ein Stadium IV bezeichnet eine fortgeschrittene Erkrankung mit Fernmetastasen und schlechter Prognose.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Prognostische und therapeutische Bedeutung: Das TNM-Stadium ist der wichtigste einzelne Prognosefaktor für die meisten Krebserkrankungen und diktiert die Therapie. Ein T1 N0 M0 Tumor kann oft allein durch eine lokale Operation geheilt werden. Ein T4 N2 M0 Tumor erfordert eine radikale Operation mit Ausräumung der Halslymphknoten, gefolgt von einer Bestrahlung. Ein M1-Status bedeutet oft, dass keine Heilung mehr möglich ist und die Therapie palliativ ist.

Fallbeispiel: Das Verstehen des Arztbriefes

  • Szenario: Ein Patient, bei dem Sie vor 2 Wochen eine Biopsie vom Zungenrand entnommen haben, kommt mit dem Arztbrief aus der onkologischen Klinik zurück.

  • Diagnose im Brief: “Histologisch gesichertes Plattenepithelkarzinom des Zungenrandes links. Staging: uT2 pN1 M0, Stadium III.”

  • Ihre Interpretation als Zahnarzt:

    • uT2: “u” steht für Ultraschall. Der Tumor wurde klinisch/bildgebend als mittelgroß (2-4 cm) eingestuft.

    • pN1: “p” steht für pathologisch. Bei der Operation wurde ein befallener Lymphknoten (Nodus) auf der gleichen Halsseite gefunden und histologisch bestätigt.

    • M0: In den Untersuchungen (z.B. CT-Thorax) wurden keine Fernmetastasen gefunden.

    • Stadium III: Die Kombination aus T2 und N1 ergibt ein lokal fortgeschrittenes Stadium.

  • Patientengespräch: Sie können die Situation nun kompetent einordnen. “Der Befund zeigt, dass der Tumor auf die Zunge und einen einzelnen Lymphknoten begrenzt war. Die gute Nachricht ist, dass die Untersuchungen keine weiteren Absiedlungen im Körper gefunden haben. Das erklärt, warum die Ärzte Ihnen jetzt zur Sicherheit eine Bestrahlung empfohlen haben.”

  • Ergebnis: Ihr Wissen über die Grundlagen der Onkologie und das TNM-System ermöglicht es Ihnen, Arztbriefe zu verstehen, interdisziplinär auf Augenhöhe zu kommunizieren und Ihren Patienten in einer schwierigen Lebensphase als kompetenter Ansprechpartner zur Seite zu stehen.