Lektion 6: Neoplasien – Definition, Nomenklatur und die Unterschiede zwischen benignen und malignen Tumoren
A. Klinische Relevanz
Der Begriff “Tumor” löst bei Patienten oft Angst aus. Für den Mediziner ist er jedoch zunächst eine neutrale Bezeichnung für eine Gewebeneubildung (Neoplasie). Die entscheidende und überlebenswichtige Aufgabe des Klinikers ist die Differenzierung zwischen benignen (gutartigen) und malignen (bösartigen) Tumoren. Diese Unterscheidung bestimmt die gesamte weitere Diagnostik, die Dringlichkeit, die Art der Therapie und die Prognose für den Patienten. Diese Lektion vermittelt die grundlegende Nomenklatur und die entscheidenden biologischen und klinischen Kriterien zur Unterscheidung von Gut- und Bösartigkeit, was die Basis für jede onkologische Diagnostik in der Mundhöhle bildet.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Definitionen
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Neoplasie (Neubildung): Eine abnorme Gewebemasse, deren Wachstum unkontrolliert ist, über das des normalen Gewebes hinausgeht und auch nach Wegfall des auslösenden Reizes fortbesteht.
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Tumor: Wörtlich “Schwellung”, wird aber heute synonym für “Neoplasie” verwendet.
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Krebs: Der umgangssprachliche Begriff für alle malignen Neoplasien.
2. Die Nomenklatur (Namensgebung) Die Benennung von Tumoren folgt in der Regel einem System, das den Ursprung und die Dignität (Gut- oder Bösartigkeit) beschreibt.
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Benigne Tumoren:
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Endung: Meist die Nachsilbe “-om”.
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Stamm: Bezeichnet das Ursprungsgewebe.
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Beispiele: Fibrom (Bindegewebe), Lipom (Fettgewebe), Adenom (Drüsengewebe), Papillom (Epithel mit fingerartigen Auswüchsen).
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Maligne Tumoren:
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Ursprung aus Epithelgewebe -> Karzinom:
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Beispiele: Plattenepithelkarzinom, Adenokarzinom.
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Ursprung aus mesenchymalem Gewebe (Binde- und Stützgewebe) -> Sarkom:
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Beispiele: Fibrosarkom, Osteosarkom (Knochen), Chondrosarkom (Knorpel).
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Ausnahmen: Einige Tumoren mit der Endung “-om” sind hoch-maligne (z.B. Melanom, Lymphom, Seminom).
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3. Der entscheidende Unterschied: Benigne vs. Maligne Die Unterscheidung basiert auf dem Grad der Differenzierung, der Wachstumsart und der Fähigkeit zur Metastasierung.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Die Rolle des Zahnarztes: Früherkennung Die Mundhöhle ist für eine direkte Inspektion leicht zugänglich. Der Zahnarzt hat eine immense Verantwortung bei der Früherkennung von malignen Veränderungen. Die 2-Wochen-Regel: Jede Läsion (Geschwür, weiße oder rote Stelle, Schwellung), die nicht innerhalb von 14 Tagen nach Beseitigung möglicher lokaler Reize abheilt, ist krebsverdächtig und muss weiter abgeklärt werden (Biopsie).
Fallbeispiel 1: Benigner Tumor
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Szenario: Ein 30-jähriger Patient bemerkt seit Jahren eine kleine, unveränderte, schmerzlose und verschiebliche Kugel in seiner Wangenschleimhaut.
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Analyse: Langsames Wachstum, scharfe Begrenzung, Verschieblichkeit -> Klassische Merkmale eines benignen Tumors, wahrscheinlich ein Reizfibrom.
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Therapie: Einfache Exzisionsbiopsie (vollständige Entfernung) und histopathologische Sicherung. Prognose exzellent.
Fallbeispiel 2: Maligner Tumor
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Szenario: Ein 68-jähriger Patient (starker Raucher, regelmäßiger Alkoholkonsum) stellt ein seit 2 Monaten bestehendes, nicht schmerzhaftes “Geschwür” am seitlichen Zungenrand fest.
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Klinischer Befund: Die Läsion ist ein ca. 2 cm großes, derbes Ulcus mit einem aufgeworfenen, harten Rand. Es ist nicht verschieblich und mit dem Zungenmuskel “verbacken”. Ein Halslymphknoten auf der gleichen Seite ist vergrößert und hart.
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Analyse: Risikofaktoren, schnelles Wachstum, Infiltration und Lymphknotenschwellung sind Alarmzeichen und hochverdächtig für ein malignes Geschehen.
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Klinische Konsequenz: Sofortiges Handeln.
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Kein Abwarten: Auf keinen Fall die Läsion nur “beobachten”.
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Biopsie: Umgehende Durchführung einer Inzisionsbiopsie (Entnahme einer Gewebeprobe aus dem Rand der Läsion).
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Überweisung: Gleichzeitige Überweisung des Patienten an eine Fachklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie zur weiteren Diagnostik (Staging) und Therapieplanung.
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Ergebnis: Die Histologie bestätigt ein Plattenepithelkarzinom. Durch die schnelle und korrekte Reaktion des Zahnarztes wird keine Zeit verloren, was die Prognose für den Patienten entscheidend verbessert.