Lektion 3: Regeneration und Wundheilung (primär vs. sekundär)
A. Klinische Relevanz
Jeder invasive zahnärztliche Eingriff, von der Extraktion bis zur Lappen-Operation, setzt eine komplexe Kaskade von biologischen Prozessen in Gang – die Wundheilung. Das Ziel des Körpers ist es, den entstandenen Defekt zu reparieren und die Gewebsintegrität wiederherzustellen. Das Verständnis der Phasen der Wundheilung und insbesondere des fundamentalen Unterschieds zwischen der idealen primären und der kompromissbehafteten sekundären Wundheilung ist die biologische Grundlage für alle chirurgischen Techniken. Das Ziel jeder Operation ist es, die Bedingungen für eine schnelle, komplikationslose primäre Wundheilung zu schaffen.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Die Phasen der Wundheilung Wundheilung ist ein dynamischer Prozess, der in drei überlappenden Phasen abläuft:
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Phase 1: Inflammatorische Phase (Tag 0-3)
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Hämostase (Blutstillung): Unmittelbar nach der Verletzung kommt es zur Vasokonstriktion und zur Bildung eines Fibrin-Koagulums (Blutgerinnsel). Dieses stoppt die Blutung und bildet das erste Gerüst für die einwandernden Zellen.
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Entzündung: Das Gerinnsel setzt Botenstoffe frei, die neutrophile Granulozyten anlocken. Ihre Aufgabe ist die “Reinigung” der Wunde von Bakterien und Debris. Nach 2-3 Tagen werden sie von Makrophagen abgelöst, die als “Dirigenten” die nächste Phase einleiten.
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Phase 2: Proliferative Phase (Tag 3-21)
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Gewebebildung: Dies ist die Phase des Wiederaufbaus.
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Angiogenese: Neue Blutgefäße sprossen in die Wunde ein.
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Fibroplasie: Fibroblasten wandern ein und produzieren ein neues, ungeordnetes Kollagengerüst (primär Kollagen Typ III). Das entstehende, stark vaskularisierte Gewebe ist klinisch als Granulationsgewebe sichtbar.
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Epithelialisierung: Epithelzellen vom Wundrand wandern über das Granulationsgewebe und verschließen die Oberfläche.
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Phase 3: Maturations- / Remodeling-Phase (Woche 3 bis >1 Jahr)
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Umbau: Das anfänglich schwache Kollagen Typ III wird schrittweise durch das festere, zugstabile Kollagen Typ I ersetzt.
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Wundkontraktion: Die Wunde zieht sich zusammen.
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Ergebnis: Es entsteht eine Narbe, deren Reißfestigkeit maximal ca. 80% der des ursprünglichen Gewebes erreicht.
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2. Die zwei Formen der Wundheilung: Primär vs. Sekundär Der entscheidende Unterschied liegt in der Ausgangssituation der Wunde.
3. Störfaktoren der Wundheilung
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Lokale Faktoren: Infektion (häufigste Ursache!), schlechte Durchblutung (Ischämie), Fremdkörper in der Wunde, mechanische Instabilität.
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Systemische Faktoren: Diabetes mellitus, Mangelernährung (v.a. Vitamin C), Immunsuppression, Rauchen (verursacht Vasokonstriktion und beeinträchtigt die Immunfunktion).
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Das chirurgische Ziel: Der primäre Wundverschluss Das Ziel fast aller parodontal- oder implantatchirurgischen Eingriffe ist die Schaffung der Voraussetzungen für eine primäre Wundheilung. Dies wird erreicht durch:
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Atraumatische Operationstechnik, um die Blutversorgung des Gewebes zu erhalten.
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Spannungsfreien Wundverschluss, um ein Aufreißen der Naht zu verhindern.
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Präzise Nahttechniken, um die Wundränder exakt zu adaptieren.
Sonderfall Extraktionsalveole: Die Alveole nach einer Zahnextraktion kann nicht primär verschlossen werden. Sie heilt daher per Definition durch sekundäre Wundheilung. Der Prozess beginnt mit der Organisation des Blutkoagulums, gefolgt von der Bildung von Granulationsgewebe und der langsamen knöchernen Durchbauung über mehrere Monate.
Fallbeispiel: Die Lappen-OP
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Szenario: Ein parodontalchirurgischer Eingriff zur Taschenreduktion wird durchgeführt.
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Vorgehen:
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Lappenbildung: Der Chirurg gestaltet einen Mukoperiostlappen und hebt ihn schonend vom Knochen ab.
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Debridement: Die Wurzeloberflächen werden gereinigt.
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Wundverschluss: Der Lappen wird exakt in seine neue Position gebracht. Der Chirurg überprüft, dass der Lappen absolut spannungsfrei liegt. Er wird mit feinen, eng gesetzten Nähten fixiert.
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Analyse: Durch die exakte Adaptation und den spannungsfreien Verschluss sind die idealen Bedingungen für eine primäre Wundheilung geschaffen.
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Ergebnis: Die Heilung wird schnell, schmerzarm und mit minimaler Narbenbildung erfolgen. Wäre der Lappen unter Spannung vernäht worden, wäre die Naht wahrscheinlich gerissen. Die Wundränder wären auseinander gewichen, und es wäre zu einer langwierigen, schmerzhaften sekundären Wundheilung mit unschönem Narbengewebe gekommen.