Lektion 9: Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) – Ibuprofen, Diclofenac und ihre Risiken

A. Klinische Relevanz

 

Die NSAR sind die mit Abstand wichtigste Medikamentengruppe zur Behandlung von akuten dentalen Schmerzen. Ihr entscheidender Vorteil ist ihre duale Wirkung: Sie sind nicht nur analgetisch (schmerzlindernd), sondern auch anti-inflammatorisch (entzündungshemmend). Da die meisten Zahnschmerzen (postoperativ, Pulpitis, apikale Parodontitis) auf einer Entzündung beruhen, bekämpfen NSAR nicht nur das Symptom, sondern auch eine der Ursachen des Schmerzes. Das Verständnis ihres Wirkmechanismus ist entscheidend, um ihre Überlegenheit gegenüber reinen Analgetika wie Paracetamol in der Zahnmedizin zu verstehen, aber auch, um ihre signifikanten Risiken und Nebenwirkungen, insbesondere im Magen-Darm-Trakt, zu managen.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Der Wirkmechanismus: Hemmung der Cyclooxygenase (COX)

  • Die Arachidonsäure-Kaskade: Bei einer Gewebeschädigung oder Entzündung wird aus der Zellmembran Arachidonsäure freigesetzt. Das Enzym Cyclooxygenase (COX) wandelt diese in Prostaglandine um.

  • Die Rolle der Prostaglandine: Prostaglandine sind zentrale Entzündungsmediatoren. Sie verursachen Vasodilatation (Rötung, Schwellung) und, was für den Schmerz entscheidend ist, sie sensibilisieren die peripheren Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren) für andere Schmerzreize.

  • Die Wirkung der NSAR: NSAR blockieren das COX-Enzym und unterbinden so die Synthese von Prostaglandinen. Dies führt zu drei Haupteffekten:

    1. Analgesie (Schmerzlinderung)

    2. Anti-Inflammation (Entzündungshemmung)

    3. Antipyrese (Fiebersenkung)

2. Die entscheidende Unterscheidung: COX-1 vs. COX-2 Es gibt zwei Hauptformen des COX-Enzyms, und die unterschiedliche Hemmung dieser beiden erklärt das Nutzen-Risiko-Profil der NSAR.

  • COX-1 (das “Haushalts-Enzym”): Ist konstitutiv, also immer im Körper vorhanden. Es produziert schützende Prostaglandine, die z.B. für die Produktion von Magenschleim (Magenschutz), die Nierendurchblutung und die Funktion der Blutplättchen (Thrombozytenaggregation) wichtig sind.

  • COX-2 (das “Entzündungs-Enzym”): Wird induziert, d.h. es wird erst bei einer Entzündung in großen Mengen gebildet und ist primär für die Produktion der “schlechten” Entzündungs-Prostaglandine verantwortlich.

3. Klassifikation der NSAR nach Selektivität

  • a) Nicht-selektive COX-Hemmer (klassische NSAR):

    • Wirkung: Hemmen sowohl die “gute” COX-1 als auch die “schlechte” COX-2.

    • Beispiele: Ibuprofen, Diclofenac, Naproxen, Acetylsalicylsäure (ASS).

    • Erwünschte Wirkung: Die Schmerzlinderung und Entzündungshemmung kommt durch die COX-2-Hemmung.

    • Unerwünschte Wirkungen (Nebenwirkungen): Entstehen durch die Blockade der schützenden COX-1:

      • Gastrointestinal (häufigste): Magenschmerzen, Sodbrennen, im schlimmsten Fall Magengeschwüre und Blutungen.

      • Renal: Beeinträchtigung der Nierenfunktion.

      • Hämatologisch: Hemmung der Blutplättchen-Funktion, erhöhte Blutungsneigung.

  • b) Selektive COX-2-Hemmer (“Coxibe”):

    • Wirkung: Hemmen gezielt nur die entzündliche COX-2 und schonen die schützende COX-1.

    • Beispiele: Celecoxib, Etoricoxib.

    • Vorteil: Deutlich geringeres Risiko für Magen-Darm-Nebenwirkungen.

    • Nachteil: Erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse (Herzinfarkt, Schlaganfall) bei Langzeitanwendung.

    • Indikation: Patienten mit hohem Magen-Darm-Risiko (z.B. Ulkus-Anamnese).

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die Wahl des richtigen NSAR in der Zahnmedizin:

  • Mittel der 1. Wahl: Ibuprofen. Es hat ein exzellentes Nutzen-Risiko-Profil, wirkt stark analgetisch und anti-inflammatorisch und ist gut steuerbar. Die Standarddosis für Erwachsene beträgt 400-600 mg.

  • ASS (Aspirin): Gilt aufgrund seiner irreversiblen Hemmung der Blutplättchen und des Blutungsrisikos heute nicht mehr als Analgetikum der ersten Wahl in der Zahnmedizin.

Risikomanagement: Vor der Verschreibung eines NSAR muss die Anamnese gezielt nach Magenproblemen, Nierenerkrankungen, Asthma und Herz-Kreislauf-Erkrankungen fragen. Patienten sollten angewiesen werden, NSAR immer mit einer Mahlzeit einzunehmen.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Ein 68-jähriger Patient, der in der Vergangenheit ein Magengeschwür hatte, benötigt eine Schmerztherapie nach einer Zahnextraktion.

  • Analyse: Der Patient benötigt eine effektive, entzündungshemmende Schmerztherapie. Die Gabe eines klassischen, nicht-selektiven NSAR wie Ibuprofen birgt jedoch ein hohes Risiko für eine erneute Magenblutung. Paracetamol wäre eine Option, wirkt aber kaum entzündungshemmend.

  • Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:

    • Option A (bevorzugt): Verschreibung eines selektiven COX-2-Hemmers (z.B. Etoricoxib). Dieses Medikament bietet die gewünschte analgetische und anti-inflammatorische Wirkung bei einem minimalen Risiko für den Magen-Darm-Trakt.

    • Option B (alternativ): Verschreibung von Ibuprofen in Kombination mit einem Magenschutz-Medikament (Protonenpumpenhemmer, z.B. Pantoprazol).

  • Ergebnis: Durch die Berücksichtigung der Anamnese und das Wissen um die unterschiedlichen COX-Hemmer wird eine schwere, vermeidbare Arzneimittelnebenwirkung verhindert. Die Wahl des Medikaments wird an das individuelle Risikoprofil des Patienten angepasst.