Lektion 10: Dysphagie (Schluckstörungen) und Dysphonie (Stimmstörungen) – Ursachen und zahnärztliche Relevanz

A. Klinische Relevanz

 

Obwohl die Behandlung von Schluck- und Stimmstörungen primär in den Fachbereich des HNO-Arztes und Neurologen fällt, ist der Zahnarzt oft der erste, der subtile Veränderungen bei seinen Patienten bemerkt. Eine funktionierende Kaufunktion, die der Zahnarzt sicherstellt, ist die Voraussetzung für einen sicheren Schluckakt. Eine Dysphagie (Schluckstörung) kann auf schwerwiegende neurologische Erkrankungen oder Tumoren hindeuten. Noch wichtiger ist die Dysphonie (Stimmstörung): Eine länger andauernde Heiserkeit ist das Leitsymptom des Kehlkopfkarzinoms. Die aufmerksame Wahrnehmung und korrekte Einordnung dieser funktionellen Störungen ist Teil einer ganzheitlichen Kopf-Hals-Untersuchung und kann zur Früherkennung ernster Erkrankungen beitragen.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Die Dysphagie (Schluckstörung)

  • Definition: Eine subjektive oder objektivierbare Störung des Schluckaktes.

  • Warnzeichen (“Red Flags”):

    • Häufiges Husten oder Räuspern während oder nach dem Essen (“Verschlucken”).

    • Gefühl, dass Speisen im Hals stecken bleiben.

    • Unklarer Gewichtsverlust.

    • Wiederkehrende Lungenentzündungen (Hinweis auf stille Aspiration).

  • Ursachen (Auswahl):

    • Neurologisch (häufigste Ursache bei Älteren): Nach einem Schlaganfall, bei Morbus Parkinson, Multipler Sklerose oder ALS.

    • Obstruktiv: Ein Tumor im Rachen- oder Speiseröhrenbereich, der den Weg blockiert.

    • Zahnärztliche Ursachen:

      • Insuffiziente Kaufunktion: Fehlende Zähne oder eine schlechte Prothese verhindern die adäquate Zerkleinerung der Nahrung.

      • Xerostomie: Mangelnder Speichel erschwert die Bildung eines gleitfähigen Speisebreis.

      • Iatrogen: Eine überextendierte (zu lange) Gaumenplatte einer Totalprothese kann den Schluckreflex stören.

2. Die Dysphonie (Stimmstörung)

  • Definition: Jede qualitative Veränderung der Stimme. Das häufigste Symptom ist die Heiserkeit.

  • Ursachen:

    • Akute Heiserkeit (häufig, meist harmlos): Eine Kehlkopfentzündung (Laryngitis) im Rahmen eines viralen Infekts ist die häufigste Ursache.

    • Chronische Heiserkeit (ALARMZEICHEN): Jede Heiserkeit, die länger als 3-4 Wochen andauert, ist hochgradig abklärungsbedürftig.

      • Gutartige Ursachen: Stimmlippenknötchen (“Sängerknötchen”), Polypen, chronische Entzündungen (z.B. durch Reflux).

      • Neurologische Ursachen: Eine Lähmung der Stimmbänder (Rekurrensparese), z.B. nach einer Schilddrüsen-OP oder durch einen Tumor, der auf den Nerv drückt.

      • Maligne Ursache: Das Larynxkarzinom (Kehlkopfkrebs). Anhaltende Heiserkeit ist das früheste und wichtigste Symptom. Hauptrisikofaktor ist das Rauchen.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die Rolle des Zahnarztes: Erkennen und Überweisen

  • Bei Dysphagie: Erfragen des Problems, insbesondere bei Prothesenpatienten und Patienten mit bekannten neurologischen Erkrankungen. Bei unklarer Ursache -> Überweisung zum HNO-Arzt/Neurologen.

  • Bei Dysphonie: Aktives Ansprechen des Patienten auf eine hörbare Heiserkeit. Bei einer Dauer von > 3 Wochen -> Dringende Überweisung zum HNO-Arzt zur Durchführung einer Laryngoskopie.

Fallbeispiel 1: Die prothesen-induzierte Dysphagie

  • Szenario: Ein älterer Patient berichtet, dass er seit der Eingliederung seiner neuen Oberkiefer-Totalprothese “schlecht schlucken” kann und einen ständigen Würgereiz hat.

  • Klinische Untersuchung: Der Zahnarzt überprüft die Ausdehnung der Prothese am Gaumen. Er stellt fest, dass die hintere Prothesenkante zu weit nach dorsal über die A-Linie (die Vibrationslinie des weichen Gaumens) hinausragt.

  • Analyse: Die überextendierte Gaumenplatte reizt den weichen Gaumen und stört den physiologischen Ablauf des Schluckreflexes.

  • Therapie: Der Zahnarzt kürzt den hinteren Rand der Prothese schrittweise ein, bis sie den Würgereiz nicht mehr auslöst. Das Problem ist sofort behoben.

Fallbeispiel 2: Die verdächtige Heiserkeit

  • Szenario: Bei einem 62-jährigen starken Raucher fällt dem Zahnarzt während des Anamnesegesprächs dessen extrem raue und heisere Stimme auf.

  • Anamnese: Auf Nachfrage gibt der Patient an: “Das habe ich schon seit ein paar Monaten, geht wohl nicht mehr weg.”

  • Analyse: Eine chronische Heiserkeit (> 3 Wochen) bei einem Hochrisikopatienten (Raucher) ist das absolute Leitsymptom für ein Larynxkarzinom.

  • Klinische Konsequenz & Management:

    1. Aufklärung: Der Zahnarzt erklärt dem Patienten den Ernst der Lage: “Eine Heiserkeit, die so lange andauert, ist nicht normal und muss dringend von einem Spezialisten untersucht werden. Das kann harmlose Ursachen haben, muss aber abgeklärt werden, um nichts Schlimmes zu übersehen.”

    2. Dringende Überweisung: Der Zahnarzt stellt eine Überweisung an einen HNO-Arzt aus mit der Bitte um eine Laryngoskopie zum Ausschluss eines Tumors.

  • Ergebnis: Der HNO-Arzt entdeckt bei der Kehlkopfspiegelung ein frühes Stimmbandkarzinom. Da es durch die Aufmerksamkeit des Zahnarztes frühzeitig entdeckt wurde, kann es mit hohen Heilungschancen (z.B. mittels Laserchirurgie) behandelt werden. Die einfache Frage des Zahnarztes nach der Heiserkeit war potenziell lebensrettend.