Lektion 8: Neoplastische Erkrankungen – Benigne und maligne Speicheldrüsentumoren (Fokus: Glandula parotis)
A. Klinische Relevanz
Knoten und Schwellungen im Bereich der großen Speicheldrüsen, insbesondere der Ohrspeicheldrüse (Glandula parotis), sind ein häufiger klinischer Befund. Obwohl die Mehrheit dieser Tumoren gutartig ist, muss jede persistierende Raumforderung bis zum Beweis des Gegenteils als potenziell maligne betrachtet werden. Der Zahnarzt spielt bei der Früherkennung eine entscheidende Rolle, da er bei der extraoralen Untersuchung im Kopf-Hals-Bereich als Erster eine solche Schwellung ertasten kann. Die Kenntnis der klinischen “Red Flags”, die auf eine Bösartigkeit hindeuten, und das Verständnis der kritischen anatomischen Beziehung zum Gesichtsnerv (N. facialis) sind für die korrekte Verdachtsdiagnose und die dringende Überweisung an den Spezialisten unerlässlich.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Epidemiologie und die “80er-Regel” Als klinische Faustregel für Speicheldrüsentumoren gilt:
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Ca. 80% aller Speicheldrüsentumoren finden sich in der Glandula parotis.
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Ca. 80% dieser Parotis-Tumoren sind benigne (gutartig).
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Ca. 80% der benignen Parotis-Tumoren sind pleomorphe Adenome.
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Umkehrregel: Je kleiner die Speicheldrüse, desto wahrscheinlicher ist ein Tumor darin maligne.
2. Der häufigste benigne Tumor: Das Pleomorphe Adenom
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Klinik: Das klassische Erscheinungsbild ist ein langsam wachsender, schmerzloser, fester, gummiartiger und gut verschieblicher Knoten. Er tritt am häufigsten im unteren Anteil der Parotis, im Kieferwinkelbereich, auf. Die Funktion des N. facialis ist nicht beeinträchtigt.
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Therapie: Die chirurgische Entfernung (partielle Parotidektomie) mit einem Saum aus gesundem Drüsengewebe.
3. Maligne Speicheldrüsentumoren
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Klinische Warnzeichen (“Red Flags”) für Malignität:
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Schnelles Wachstum.
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Schmerzen.
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Harte, unverschieblicher Knoten (“Verbackung” mit der Haut oder der Unterlage).
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Hautulzeration über dem Tumor.
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Vergrößerte, harte Halslymphknoten.
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Das wichtigste Alarmzeichen: Eine assoziierte Lähmung des N. facialis (Fazialisparese).
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Wichtige maligne Typen:
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Mukoepidermoidkarzinom: Der häufigste maligne Speicheldrüsentumor.
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Adenoid-zystisches Karzinom: Berüchtigt für sein langsames, aber unaufhaltsames Wachstum entlang von Nervenscheiden (perineurale Invasion), was oft zu Schmerzen führt.
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4. Die entscheidende anatomische Beziehung: Parotis und N. facialis
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Anatomie: Der Nervus facialis (VII. Hirnnerv), der für die gesamte mimische Muskulatur des Gesichts verantwortlich ist, tritt aus der Schädelbasis aus und teilt sich innerhalb der Glandula parotis in seine Hauptäste auf. Er durchzieht die Drüse wie eine Hand in einem Handschuh.
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Chirurgische Konsequenz: Jede Operation an der Parotis (Parotidektomie) ist ein hoch anspruchsvoller Eingriff, bei dem der Chirurg den Nerven und seine Äste sorgfältig identifizieren und präparieren muss, um eine permanente Gesichtslähmung zu vermeiden.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Die zahnärztliche Untersuchung:
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Inspektion: Suchen Sie nach Asymmetrien im Wangen- und Kieferwinkelbereich.
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Palpation: Tasten Sie die Speicheldrüsen beidseitig ab und achten Sie auf Verhärtungen, Schwellungen und Verschieblichkeit.
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Funktionstest des N. facialis: Bitten Sie den Patienten, einfache mimische Bewegungen auszuführen und achten Sie auf Asymmetrien:
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“Bitte die Stirn runzeln.”
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“Bitte die Augen fest zukneifen.”
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“Bitte die Nase rümpfen.”
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“Bitte breit grinsen und die Zähne zeigen.”
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Fallbeispiel:
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Szenario: Ein 60-jähriger Patient stellt sich mit einer seit 2 Monaten schnell wachsenden, schmerzhaften Schwellung vor dem rechten Ohr vor. Er hat bemerkt, dass sein rechtes Auge “nicht mehr richtig schließt”.
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Klinische Untersuchung:
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Palpation: Man ertastet einen ca. 3 cm großen, sehr harten, kaum verschieblichen Knoten in der rechten Glandula parotis.
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Nervenfunktion: Bei der Aufforderung, die Augen fest zuzukneifen, schließt sich das rechte Lid inkomplett (Lagophthalmus). Beim Lächeln hängt der rechte Mundwinkel herab.
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Analyse: Die Kombination aus schnellem Wachstum, Schmerz, hartem, fixiertem Knoten und einer eindeutigen beginnenden Fazialisparese ist hochgradig verdächtig auf ein malignes Geschehen in der Parotis mit Infiltration des Gesichtsnervs.
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Klinische Konsequenz:
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Dringender Verdacht: Der Zahnarzt erkennt die ernste Situation.
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Sofortige Überweisung: Der Patient wird mit einem detaillierten Konsilschreiben, das alle “Red Flags” (insbesondere die Nerven-Beteiligung) erwähnt, umgehend an eine Klinik für HNO- oder MKG-Chirurgie überwiesen.
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Ergebnis: Die Fähigkeit des Zahnarztes, nicht nur die Schwellung zu tasten, sondern auch einen einfachen Funktionstest des N. facialis durchzuführen und die pathologische Bedeutung der Lähmung zu erkennen, war der entscheidende Schritt zur schnellen und korrekten Einleitung der onkologischen Diagnostik und Therapie.