Lektion 3: Grundlagen der HNO-ärztlichen Untersuchung (Endoskopie, Bildgebung)

A. Klinische Relevanz

 

Wenn ein zahnärztlicher Befund nicht ausreicht, um die Beschwerden eines Patienten im Kopf-Hals-Bereich zu erklären, ist die Überweisung an einen HNO-Arzt oft der nächste logische Schritt. Um eine effektive interdisziplinäre Kommunikation zu gewährleisten und den Patienten auf die kommende Untersuchung vorzubereiten, ist es für den Zahnarzt wichtig, die grundlegenden diagnostischen Werkzeuge des HNO-Arztes zu kennen. Diese Lektion gibt einen Überblick über die wichtigsten Untersuchungsmethoden, von der Spiegeluntersuchung bis zur modernen Endoskopie und Schnittbildgebung, um die “Black Box” der HNO-Diagnostik zu beleuchten.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Die Basisuntersuchung (“HNO-Spiegelstatus”)

  • Anteriore Rhinoskopie: Mit einem Nasenspekulum und einer Stirnlampe wird der vordere Abschnitt der Nasenhöhle inspiziert.

  • Oropharynx-Inspektion: Ähnlich wie die zahnärztliche Inspektion, mit Fokus auf Gaumenmandeln, Rachenhinterwand und Zungengrund.

  • Indirekte Laryngoskopie: Die klassische Technik. Mit einem kleinen, erwärmten und abgewinkelten Spiegel (ähnlich einem großen Zahnarztspiegel) wird bei herausgestreckter Zunge des Patienten in den Rachen geblickt, um indirekt den Kehlkopf und die Stimmbänder zu beurteilen.

2. Die Endoskopie: Der direkte Blick “um die Ecke” Die Endoskopie ist heute der Goldstandard und hat die Spiegeluntersuchung in vielen Bereichen abgelöst.

  • Flexible Nasopharyngoskopie:

    • Technik: Ein sehr dünner, flexibler Glasfaser-Schlauch mit einer Kamera und Lichtquelle wird nach lokaler Betäubung der Nasenschleimhaut durch die Nase bis in den Rachen und zum Kehlkopf vorgeschoben.

    • Vorteile: Minimalinvasiv, gut toleriert, ermöglicht die dynamische Beurteilung von Schluck- und Stimmfunktion und bietet einen exzellenten Überblick über alle drei Rachenetagen.

  • Starre Endoskopie (Lupenendoskopie):

    • Technik: Verwendung von starren Optiken mit abgewinkelter Blickrichtung (z.B. 70°).

    • Vorteile: Bietet die höchste Bildqualität, Schärfe und Vergrößerung. Ideal zur detaillierten Beurteilung von verdächtigen Schleimhautveränderungen.

3. Bildgebende Verfahren in der HNO

  • Ultraschall (Sonographie):

    • Anwendung: Die Methode der ersten Wahl zur Beurteilung von Weichgewebsstrukturen am Hals. Unerlässlich zur Diagnostik von Hals-Lymphknoten und Speicheldrüsen-Erkrankungen. Strahlenfrei und nicht-invasiv.

  • Computertomographie (CT):

    • Anwendung: Das Verfahren der Wahl zur detaillierten Darstellung von knöchernen Strukturen. Die Hauptindikation ist die Diagnostik von Erkrankungen der Nasennebenhöhlen (Sinusitis) und die Beurteilung der knöchernen Infiltration von Tumoren.

  • Magnetresonanztomographie (MRT):

    • Anwendung: Das Verfahren der Wahl zur hochauflösenden Darstellung von Weichgeweben. Überlegen bei der Beurteilung von Speicheldrüsentumoren und der Weichteilinfiltration von Karzinomen im Rachen- und Kehlkopfbereich.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die gezielte Überweisung: Eine gute Überweisung an den HNO-Arzt enthält eine präzise zahnärztliche Befundung und eine klare Fragestellung.

  • Schlecht: “Bitte UK links abklären.”

  • Gut: “Patient mit unklaren Schmerzen an Zahn 36/37. Zähne sind vital, parodontal und radiologisch unauffällig. Bitte um Ausschluss einer nicht-odontogenen Schmerzursache, z.B. einer Sinusitis maxillaris.”

Fallbeispiel: Der unklare Gesichtsschmerz

  • Szenario: Ein Patient klagt über einen dumpfen Dauerschmerz im linken Oberkiefer-Seitenzahnbereich. Alle Zähne in diesem Quadranten sind kariesfrei, vital und nicht perkussionsempfindlich.

  • Analyse: Die zahnärztliche Untersuchung ist komplett unauffällig. Der Schmerz muss eine nicht-odontogene Ursache haben. Aufgrund der Lokalisation ist eine Beteiligung der Kieferhöhle die wahrscheinlichste Differenzialdiagnose.

  • Klinische Konsequenz: Überweisung an einen HNO-Arzt.

  • Vorgehen beim HNO-Arzt:

    1. Der HNO-Arzt führt eine Nasenendoskopie durch. Dabei sieht er eitriges Sekret, das aus dem mittleren Nasengang (dem Abflussgebiet der Kieferhöhle) austritt.

    2. Zur Bestätigung und Beurteilung der Ausdehnung wird ein CT der Nasennebenhöhlen angefertigt. Dieses zeigt eine vollständige Verschattung der linken Kieferhöhle und eine Schwellung der Schleimhaut, was die Diagnose einer Sinusitis maxillaris sichert.

  • Ergebnis: Der Patient wird vom HNO-Arzt mit abschwellenden Nasensprays und ggf. einem Antibiotikum behandelt, woraufhin die “Zahnschmerzen” verschwinden. Die korrekte Verdachtsdiagnose und die interdisziplinäre Überweisung durch den Zahnarzt haben den Patienten vor einer unnötigen und ineffektiven zahnärztlichen Behandlung (z.B. einer Wurzelkanalbehandlung an einem gesunden Zahn) bewahrt.