Lektion 1: Topographische Anatomie der Nasennebenhöhlen und ihre Beziehung zum Oberkiefer

A. Klinische Relevanz

 

Die Kieferhöhle (Sinus maxillaris) und die Wurzelspitzen der Oberkiefer-Seitenzähne sind direkte anatomische Nachbarn, oft nur durch eine hauchdünne Knochenlamelle getrennt. Diese enge topographische Beziehung ist die Quelle der häufigsten und wichtigsten Überschneidung zwischen Zahnmedizin und HNO-Heilkunde. Eine Infektion kann leicht von einem Zahn in die Kieferhöhle aufsteigen (odontogene Sinusitis) oder eine Kieferhöhlenerkrankung kann Zahnschmerzen imitieren. Das dreidimensionale Verständnis dieser Anatomie ist die unerlässliche Grundlage für die Diagnostik von Gesichtsschmerzen, die Planung von Extraktionen im Oberkiefer-Seitenzahnbereich und für die dentale Implantologie.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Die Nasennebenhöhlen (NNH) im Überblick Die NNH sind luftgefüllte, mit Schleimhaut ausgekleidete Hohlräume in den Gesichtsschädelknochen, die alle mit der Nasenhaupthöhle in Verbindung stehen. Man unterscheidet vier paarig angelegte Höhlen:

  • Kieferhöhlen (Sinus maxillares)

  • Stirnhöhlen (Sinus frontales)

  • Siebbeinzellen (Cellulae ethmoidales)

  • Keilbeinhöhlen (Sinus sphenoidales)

2. Anatomie der Kieferhöhle (Sinus maxillaris) Die Kieferhöhle ist die größte der Nasennebenhöhlen. Sie füllt den größten Teil des Oberkieferkörpers aus.

  • Lage und Begrenzungen:

    • Dach: Der Boden der Augenhöhle (Orbita).

    • Mediale Wand: Die seitliche Wand der Nasenhöhle. Hier befindet sich das Ostium maxillare, die natürliche Abflussöffnung der Kieferhöhle.

    • Boden: Der Alveolarfortsatz des Oberkiefers.

  • Das Problem der Drainage: Das Ostium liegt im oberen Teil der medialen Wand. Diese hohe, ungünstige Position erschwert den Abfluss von Sekret aus der Kieferhöhle im Stehen und begünstigt die Chronifizierung von Entzündungen.

3. Die entscheidende Beziehung: Kieferhöhlenboden und Zahnwurzeln

  • Enge Nachbarschaft: Der knöcherne Boden der Kieferhöhle steht in direkter, enger Beziehung zu den Wurzelspitzen der Oberkiefer-Seitenzähne, insbesondere der Prämolaren und Molaren.

  • Hohe Variabilität: Der Abstand zwischen Wurzelspitze und Kieferhöhlenboden ist individuell sehr unterschiedlich. Oft ist die trennende Knochenlamelle nur papierdünn. Bei vielen Menschen ragen die Wurzelspitzen sogar direkt in die Kieferhöhle hinein und sind nur noch von der dünnen Kieferhöhlenschleimhaut (Schneider’sche Membran) bedeckt.

  • Typischer Bezug: Die engste Beziehung besteht in der Regel zu den Wurzeln des ersten Molaren (insbesondere die palatinale Wurzel) und des zweiten Molaren.

Abbildung: Schematischer Querschnitt, der die enge Beziehung der Molarenwurzeln zum Kieferhöhlenboden (Sinus floor) zeigt.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Diese enge anatomische Beziehung hat drei direkte klinische Konsequenzen:

1. Odontogene Sinusitis: Eine Entzündung an der Wurzelspitze eines nekrotischen Oberkiefer-Seitenzahnes (apikale Parodontitis) kann die dünne Knochenlamelle leicht durchbrechen und eine bakterielle Entzündung der Kieferhöhle verursachen.

2. Die Mund-Antrum-Verbindung (MAV):

  • Definition: Eine unnatürliche, offene Verbindung zwischen Mundhöhle und Kieferhöhle.

  • Ursache: Die häufigste Ursache ist die Extraktion eines Oberkiefer-Seitenzahnes, bei der der mit der Wurzel verwachsene Knochen des Kieferhöhlenbodens mit herausgerissen wird.

  • Diagnostik: Der klassische Test ist der Nasen-Blas-Versuch.

3. Relevanz für die Implantologie: Die vertikale Knochenhöhe zwischen Kieferkamm und Kieferhöhlenboden ist der limitierende Faktor für die Insertion von Implantaten im Oberkiefer-Seitenzahnbereich. Ist diese Höhe zu gering, muss der Kieferhöhlenboden chirurgisch angehoben werden (Sinuslift).

Fallbeispiel: Die Extraktionsplanung

  • Szenario: Ein tief zerstörter erster oberer Molar (Zahn 16) soll extrahiert werden.

  • Diagnostischer Prozess:

    1. Radiologische Untersuchung: Der Zahnarzt fertigt einen Zahnfilm an. Das Bild zeigt, dass die Wurzelspitzen, insbesondere die der palatinalen Wurzel, ohne erkennbare knöcherne Begrenzung in die Kieferhöhle ragen.

  • Analyse: Es besteht ein extrem hohes Risiko für die Eröffnung der Kieferhöhle (MAV) während der Extraktion.

  • Klinische Konsequenz & Management:

    1. Aufklärung: Der Patient wird vor dem Eingriff über das hohe Risiko einer Kieferhöhleneröffnung und die wahrscheinliche Notwendigkeit eines sofortigen chirurgischen Verschlusses aufgeklärt.

    2. Planung: Der Eingriff wird als chirurgische Zahnentfernung geplant. Die Instrumente für einen plastischen Wundverschluss (z.B. nach Rehrmann) werden bereitgelegt.

    3. Vorgehen: Der Zahn wird vorsichtig, oft nach vorheriger Separation der Wurzeln, entfernt, um den Knochen maximal zu schonen.

  • Ergebnis: Durch die sorgfältige Analyse des Röntgenbildes hat der Behandler die wahrscheinliche Komplikation antizipiert, den Patienten aufgeklärt und war chirurgisch auf deren sofortiges Management vorbereitet. Dies ist der professionelle Standard im Umgang mit dieser kritischen anatomischen Zone.